Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

406 Hans Wagner Wien, sondern — horribile dictu — in Berlin“ 50). Freilich wäre die Zu­stimmung Plapparts und Montenuovos äußerst unsicher gewesen. Am Burg­theater sind die „Weber“ überhaupt nie aufgeführt worden51). Ähnlich erging es dem „Biberpelz“, dessen Aufführung ebenfalls 1901 geplant war, nachdem Direktor Burckhard schon 1893 mit Hauptmann wegen des Stückes korrespondiert hat, aber „die Aufführung im Burg­theater nicht wohl riskieren“ wollte52). Jettel äußerte sich darüber: „Ich denke, mit einigen Strichen wird es gehen. .Höchste Güter der Nation’ und .Hochgestellte Herren’ etc. könnte ich natürlich nicht durchlassen“. Er be­stand aber darauf, das Stück nur zusammen mit der Fortsetzung „Der rote Hahn“ zu akzeptieren, wozu er freilich kein Recht besaß. So aber konnte er eine doch bedenkliche Aufführung hinausschieben, zumal der „Rote Hahn“ bei der Berliner Uraufführung durchfiel53). Erst 1906 hat sich Schlenther wieder energisch für das Stück eingesetzt und in einem langen Schreiben an Fürst Montenuovo auf die wiederholten Aufführungen am Dresdener Hoftheater hingewiesen. Er suchte die offenbar heikle Figur des Amtsvor­stehers zu entschuldigen, den er als preussischen kleinen Lokalbeamten, meist einen beim Militär unbrauchbaren Offizier, bezeichnete, der in Öster­reich keine Parallele habe. Schlenther versprach auch eine Milderung des Jargons und der derbsten Ausdrücke54). So konnte die Aufführung endlich am 14. Dezember 1906 stattfinden. Über „Fuhrmann Henschel“, der schon am 19. Jänner 1899 zur Aufführung kam, liegen keine Korrespondenzen vor. Auf „Schluck und Jau“ hat Schlenther nach dem Berliner Mißerfolg 1900 selbst verzichtet, ohne sich der Zensur zum Kampf zu stellen. Am berühmtesten ist die Affäre geworden, zu der es bei Hauptmanns „Rose Bernd“ gekommen ist. Hier hat Paul Schlenther wie ein Löwe ge­kämpft, aus Freundschaft für Gerhart Hauptmann und aus besonderer Vor­liebe für das Stück. In einem Schreiben an Hauptmann heißt es: „Was mich betrifft, so ist mir Rose Bernd seit Hannele mein liebstes Stück von Dir“ 55). Schon vor der Berliner Uraufführung wurden Jettel und Plappart um Gutachten ersucht. Jettel äußerte sich am 9. Oktober 1903: „Ich werde gegen ,Rose Bernd’ nomine Censur nicht das Geringste einwenden, von einigen allzu naturalistischen Äußerungen vielleicht abgesehen, die Sie zum Theil selbst schon gestrichen haben, und danke Ihnen besonders, daß Sie mir den großen Genuß bereitet haben, das mächtige Stück als einer der Ersten lesen zu dürfen“. Plappart hingegen erhob — wie oben erwähnt — Einwände und veranlaßte den unsicher gewordenen Jettel zu einer teil­weisen Revision seiner Meinung: „Ich mußte ihm (Plappart) zugeben, daß ■r>«) Schlenther in Justizrat Paul Jonas, Berlin, vom 11. XII. 1901, ebenda. r.i) Vgl. dazu Karl Glossy im Neuen Wiener Tagblatt vom 15. XI. 1932. 52) Vgl. dazu Glossy im Neuen Wiener Journal vom 11. XII. 1932. 53) Brief an Schlenther vom 28. V. 1901, Bg. Th. SR, Kart. 3 Nr. 73. 54) Konzept vom 21. X. 1906, ebenda. 55) Schlenther an Hauptmann vom 24. X. 1903, ebenda Kart. 3 Nr. 71.

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