Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 407 der Conflict sehr craß, das Stück in Ganzen recht .unerfreulich’ sei, gab ihm aber zu bedenken, daß es schließlich Sache des Publicums sei, abzu­lehnen, was ihm nicht gefällt, daß man die moderne dramatische Production doch nicht grundsätzlich ausschließen und nicht das letzte Stück unseres immerhin bedeutendsten Dramatikers dem Publicum vorenthalten könne“ 50). Schlenther versuchte nun, Plappart umzustimmen und führte an, daß die Bedenken wegen des erotischen Stoffes und des oberschlesischen Dialektes reichlich durch die Größe des Kunstwerkes und die ethische Weltanschau­ung aufgewogen werde. Er wies auf die großen Kasseneinnahmen hin, die selbst „der vielgescholtene Fuhrmann Henschel“ in den ersten vierzehn Vorstellungen eingebracht habe* 67 *). Schließlich gab Plappart unter folgen­den Bedingungen die Aufführung zu: „1. Rose Bernd muß bereits von einer großen deutschen Bühne (Berlin) mit Erfolg aufgeführt sein. 2. Der ober­schlesische Dialect muß entweder in das Hochdeutsche oder doch in einen sehr stark gemilderten Dialect übertragen werden. 3. Das Stück muß noch das vorgeschriebene Censurverfahren passiert haben“. Vorausgegangen war dieser Zustimmung eine Entscheidung Fürst Montenuovos 58). Trium­phierend konnte Schlenther nun Hauptmann seinen Erfolg melden, nicht ohne den „trefflichen Hofrat Jettei“ herauszustreichen69). Hauptmann gab die Dialektmilderung und die Eliminierung der Kraftausdrücke zu. So reichte Schlenther am 12. Dezember eine von ihm selbst stammende Bear­beitung des Stückes bei Plappart ein. Die Erstaufführung fand am 11. Fe­bruar 1904 statt. Nach sechs Aufführungen mußte „Rose Bernd" auf Weisung Monte­nuovos vom Spielplan abgesetzt werden. Es ist ziemlich sicher, das Erzher­zogin Marie Valerie dies veranlaßt hat. Sie soll während der Kindesmord­szene in auffälliger Weise das Theater verlassen haben "). Schlenther teilte das betrübliche Ereignis am 24. Februar Gerhart Hauptmann mit. „Heute bin ich Dir der Bringer einer Hiobspost, die gewiß Dein Blut in Wallung bringen wird, die Du dann aber doch mit einem Resultat kühler Überle­gung beantworten wirst. Unserer armen Rose Bernd ist etwas Menschliches begegnet. Ein höherer Machtspruch hat sie vom Repertoire des Burgthea­ters ausgeschlossen, weil sie nicht burgtheaterfähig im Stoff ist“. Er habe den Obersthofmeister mit Mühe dazu gebracht, das Stück zu genehmigen. „Nun aber hat ein noch höherer Wille dahin gewirkt, daß diese Genehmi­gung zurückgezogen wurde. Man kann auch in diesem Sinne von Rose Bernd sagen: ,Sie ist die erste nicht’. Dasselbe ist 1892 zu Burckhards Zeit der ,Sclavin’ von Fulda und 1899 schon zu meiner Zeit dem .Grünen Kakadu’ 5») Briefe an Schlenther vom 9. und 16. X. 1903, ebenda. 67) Brief an Plappart vom 16. X. 1903, ebenda. 58) Schreiben an Schlenther vom 23. X. 1903, ebenda. 69) Brief vom 24. X. 1903, ebenda. »») So in der Bohemia, Prag, vom 1. III. 1904. Vgl. auch Nagl-Zeidler- Castle IV, S. 1971.

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