Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910
Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898-1910. Von Hans Wagner (Wien). Die Zensur der Wiener Theater im allgemeinen ist schon Gegenstand eingehender Untersuchungen geworden. Seit 1850 haben sich ihre Akten im Statthaltereipräsidium erhalten1). Dies gilt aber nicht für die beiden Hoftheater, für die eine eigene Zensurstelle bestand, die strengere Maßstäbe anlegen mußte, hatte sie doch stets die Würde der Hofbühnen als der kaiserlichen Theater im Auge zu behalten. Über Tätigkeit und Organisation dieser Zensur ist bisher so gut wie nichts bekannt geworden. Erst die Ordnung der geschlossen erhaltenen Korrespondenz des Burgtheaterdirektors Paul Schlenther hat es ermöglicht, das Wirken dieser Zensur ziemlich genau zu verfolgen2). Das ist zu diesem Zeitpunkt besonders aufschlußreich, da unter Schlenther der Einbruch des naturalistischen Dramas am Burgtheater in größerem Umfang erfolgt ist. Im Kampf mit den neuen Richtungen mußte die Zensur ein weites Betätigungsfeld finden. Eine eigene Hoftheaterzensur hat es sicher seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gegeben. Daß sie in den Akten kaum greifbar ist, liegt in der Natur der Sache. Man hielt eine genaue Überprüfung der Stücke nach ihrem sittlichen und politischen Inhalt für unbedingt notwendig, scheute sich aber gleichzeitig, diese Dinge in die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Die Aufklärung hatte jeden Eingriff in die Freiheit der Autoren verpönt. Aber schon unter Joseph II. mußte man nach anfänglichem Gewährenlassen zur notwendigen Kontrolle zurückkehren, die dann im Vormärz eine ganz Europa belustigende und empörende Ängstlichkeit erreichte. O Heute im Niederösterreichischen Landesarchiv, Statthaltereiarchiv. An Arbeiten über die Theaterzensur wäre vor allem auf Karl Glossy, Zur Geschichte der Wiener Theaterzensur, Jahrbuch der Grillparzergesellschaft 7, 1897, und Theaterzensur, Österreichische Rundschau 58, 1919, S. 228 ff., hinzuweisen. 2) Paul Schlenther hat bei seinem Abgang 1910 seine Handakten, die Korrespondenzen zu den einzelnen Stücken, mit peinlicher Gewissenhaftigkeit über geben. Sie bestehen zum größten Teil aus M. J. Akten, einer neben der mit den Zahlen der Protokolle vorhandenen zweiten Aktenreihe, die nach den Nummern des Manuskript-Journals (daher M. J. Akten) geordnet war. Viele, und dabei gerade die wichtigsten Einsendungen sind an Schlenther persönlich gerichtet worden und gar nicht ins Manuskriptjournal eingetragen. Die Schlentherschen Handakten sind heute alphabetisch nach Verfassern geordnet als Sonderreihe des Burgtheaters im Haus-, Hof- und Staatsarchiv aufgestellt. Dazu wurde der Archivbehelf AB 305 a/7/1 angelegt (B g. Th. SR).