Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
STURMBERGER, Hans: Ein Brief Johann Friedrich Böhmers an Anton v. Spaun
372 Hans Sturmberger hatte verschaffen können, waren sie mir von Anfang an verfehlt erschienen.“ Auch St. Florian suchte Böhmer wieder auf. Dort traf er „an einem sonnigen Tag große Gesellschaft von Damen und Kindern, von Offizieren mit Schleppsäbeln und Prälaten in mancherlei Ordenstrachten“. Stülz, den er fast ein Jahrzehnt nicht gesehen hatte, schien ihm nun „tief im Greisen- alter“ zu stehen: „Ich schied von ihm ohne viel Hoffnung ihn wiederzusehen“ 19). Das Gefühl, den Freund zum letzten Mal zu sehen, sollte Böhmer nicht täuschen. Es war seine letzte Reise ins Land ob der Enns, er sah den Florianer nicht mehr, aber Stülz überlebte den schon kränklichen Böhmer um 9 Jahre. Da Chmel in Wien lebte, waren Stülz und Spaun allein die Männer, zu welchen Böhmer in Oberösterreich freundschaftliche Beziehungen hegte. Wie sehr er Stülz schätzte, sieht man aus einer Bemerkung Böhmers in einem seiner Briefe an J. E. Kopp in Luzern, wo er über den Florianer Historiker Stülz sagte: „Dieser ist ein gediegenerer Mann als die meisten österreichischen Historiofilen“ 20). Zu Stülz gestalteten sich seine Beziehungen noch persönlicher durch dessen Wahl in das Frankfurter Parlament. Stülz, dessen Konservativismus ganz nach Böhmers Sinn war und dessen tiefe Einsicht in politischer Hinsicht er rühmte21), war seit Anfang Oktober 1848 in Frankfurt und gehörte dem sogenannten „Dienstag Zirkel“ an, der sich allwöchentlich bei Böhmer versammelte. Böhmer zählte Stülz „zu den Freunden, die das Parlament“ nach Frankfurt „hergeweht“ und die „an manchem Dienstag-Abend durch traulichen Verkehr die Bitterkeit der Zeit versüßten“. Fast jede Woche war der Florianer gemeinsam mit Lassaulx und Döllinger bei Böhmer22). Noch nach 6 Jahren gedachte Stülz dieses geistigen Frankfurter Symposions und sandte den Mitgliedern seinen Gruß 23). Der persönliche Kontakt zu Spaun blieb auf die spärlichen Besuche Böhmers in Oberösterreich beschränkt und auf allfälligen Briefwechsel, von dem uns lediglich als einziger Brief der hier vorliegende bekannt ist. Schon im Jahre 1840 hatte Spaun an Böhmer seine eben damals erschienene Schrift „Heinrich von Ofterdingen und das Nibelungenlied“ 24) gesandt. Böhmer schrieb damals an Chmel nach Wien über Spauns Nibelungenbuch: „Sicher wird es mehr zu Herzen gehen als Lachmanns widerwärtige Sectionen des edlen Liedes, obwohl ich keinen Augenblick zweifle, daß die Heimat des Sängers in Rheinfranken und leichtwohl in Mainz gewesen“ 25). Und als in den Sechzigerjahren dann F. Pfeiffer die 19) wie Anmerkg. 17. 20) Böhmer an Kopp, 30. 6. 1845, Janssen 2, S. 419. 21) Böhmer an Kopp, 12. 10. 1848: „Seit Kurzem ist Stülz hier, der tiefer blickt“ (als Karajan), Janssen 2, S. 519. 22) Jannsen 1, S. 309 ff. 23) Stülz an Böhmer, 18. 12. 1854, Stiftsarchiv St. Florian. 24) Angsüsser, Spaun S. 28. äs) Böhmer an Chmel, 29. 3. 1840, Janssen 2, S. 298.