Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

STURMBERGER, Hans: Ein Brief Johann Friedrich Böhmers an Anton v. Spaun

Ein Brief Johann Friedrich Böhmers an Anton v. Spaun 373 These vertrat, das Nibelungenlied sei „in Österreich in der Gegend von Linz gedichtet“ worden, da schrieb Böhmer an seinen Freund Kopp nach Luzern: „Ich wünschte sehr, daß Herr v. Spaun in Linz diese Verherrlichung des Kürnbergers noch erlebt hätte“ 26). Aber nicht nur das Nibelungen­lied gab Anlaß zum Austausch der Meinungen, auch das oberösterreichische Urkundenbuch förderte den Kontakt zwischen den beiden. Hier wirkten Pertz und Böhmer als Berater Spauns und Stülz. Und als Böhmer mit Pertz im Jahre 1843 in Linz weilte, da sprachen sich die beiden eindeutig für die chronologische Ordnung des Urkundenbuches aus, und Spaun konnte am 11. Oktober 1843 an seinen Freund Chmel nach Wien schreiben: „In Form und Ausstattung, und alles, was sonst zu beobachten, haben wir uns mit Pertz und Böhmer vollständig ins Einvernehmen gesetzt“ 27). Pertz und Böhmer waren es auch, welche den Oberösterreichern Lacomblets Urkunden­buch des Niederrhein (1840) als Muster für die Edition der Oberös'erreichi. sehen Urkunden empfahlen28). Spaun hielt Böhmer über das Werden des Urkundenbuches am laufenden und als die ersten Probedruckbogen aus der Wiener Staatsdruckerei in Linz eintrafen, da ließ er ihm dies freudig durch Moritz v. Schwind berichten29). Böhmer schätzte das o. ö. Urkundenbuch, dieses Monument der romantischen Geschichtswissenschaft des Landes Oberösterreich, sehr hoch ein. Schon 1847 schrieb er an Stülz, er hoffe, daß der Abdruck des Urkundenbuches in gutem Fortschreiten sei: „Es soll uns hoch willkommen sein, wenn es erscheint, als bei weitem das Trefflichste, was bisher noch historische Vereine geliefert haben“ 30). Und als der 2. Band in seinen Händen war, da galt dem o. ö. Urkundenbuch Böhmers höchstes Lob: „Das ist alles vernünftig, gut und schön. Welcher Abstand gegen das eben erschienene mit ganz unöthigen und theilweise kindischen Anmerkungen ausgestattete Wittelsbachische Urkundenbuch“ 31). Spaun und Böhmer sind sich, obwohl sie sich nur selten persönlich trafen, doch nahe gekommen. Das gleiche Interesse, dieselbe Leidenschaft für das Mittelalter und seine Erforschung, hatte die beiden Männer zusam­mengeführt. Als Böhmer 1843 in Linz weilte, da verbrachte er einen Abend in Spauns Haus zur großen Freude seines Linzer Freundes. Es war ein sehr vergnügter Abend, wie Spaun an Chmel berichtete: „Meine Mädchen haben ihm auch unsere Volksweisen vorgesungen, die ihm ganz fremd waren und 3«) Böhmer an Kopp, 12. 11. 1862, Janssen 3, S. 399; Angsüsser erwähnt einen Vortrag Pfeiffers „Der Dichter des Nibelungenliedes“, a. a. O., S. 40. 37) Spaun an Chmel, 11. 10. 1843; Abschrift o. ö. Landesarchiv, Neuerwer­bungen Schuber 40, Nr. 6. 28) Spaun an Chmel, 17. 2. 1846, Abschrift o. ö. Landesarchiv, Neuerwerbun­gen Schuber 40, Nr. 6; Trinks, Urkundenbuch a. a. O., S. 617. 29) Spaun an Schwind, 6./7. November 1846; abgedruckt bei H. Sturmberger, Anton v. Spaun Briefwechsel mit Moritz v. Schwind; Jahrbuch der Stadt Linz, 1952, S. 175. 39) Böhmer an Stülz, 30. 5. 1847, Janssen 2, S. 487. si) Böhmer an Stülz, 22. 3. 1858, Janssen 2, S. 241.

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