Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze

Gustav Graf Kálnoky 339 nicht verstanden und übel kritisiert, weil man sie mit dem Geiste des Bünd­nisses zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn nicht in Einklang zu bringen vermochte. Kálnoky sah wohl, daß Bismarck mit Rücksicht auf das revanchebereite Frankreich sich mit Rußland auch dann auf guten Fuß zu stellen willens war, wenn dies auf Kosten jener Ziele ging, die die öster­reichisch-ungarische Balkanpolitik zu verfolgen gezwungen war. Wie weit der deutsche Reichskanzler — durch den Abschluß des Rückversicherungs­vertrages — auf diesem Wege ging, konnte er freilich nicht wissen. Er stellte ohne Zögern den Mangel einer direkten Unterstützung des deutschen Bundesgenossen als Fixum in seine Politik ein und entschloß sich, die bul­garische Frage mit Rußland allein auszufechten. Zuerst bemühte er sich, mit Rußland über die Neugestaltung der Verhältnisse in Bulgarien ins Ge­spräch zu kommen. Als dieser Versuch mißlang, suchte und fand er mit Bismarcks Förderung Anlehnung an England (accord ä trois) und begann nun, geschickt die Vorteile der europäischen Mächtekonstellation wie auch die Schwächen seines Gegners ausnützend, den russischen Absichten in Bul­garien entgegenzuarbeiten. Vorsichtig, aber mit großer Konsequenz stärkte er der bulgarischen Regentschaft den Rücken und erreichte es, daß kein russischer Kandidat, sondern Prinz Ferdinand von Coburg zum Fürsten von Bulgarien gewählt wurde. Dieser bedeutende Erfolg, der ohne die Tat­kraft des bulgarischen Ministerpräsidenten Stambulow wohl nicht hätte er­zielt werden können, vereitelte die russischen Pläne, entzog Bulgarien dem direkten russischen Einfluß und wies ihm die Wege zu einer selbständigen staatlichen Entwicklung. Die Verbitterung Rußlands über das Fehlschlagen seiner Aspirationen und über seine Isolierung von der Balkanhalbinsel blieb freilich nicht aus; der Drei- Kaiser-Vertrag lief im Jahre 1887 unverlängert ab, zu Beginn des Jahres 1888 entstand durch die starken Kriegsrüstungen Rußlands eine ernste Krise und auch sonst mußte Kálnoky in diesen an Ereignissen reichen Jahren noch manche gefährliche Klippe überwinden. Es gelang ihm dies jedoch vollständig und nachdem die Beziehungen zum Zarenreich wieder in halbwegs normale Bahnen gelenkt waren, hatte er durch Beharrlichkeit und großes Geschick auf diplomatischer Ebene unter Vermeidung eines be­waffneten Konfliktes einen bedeutenden Erfolg über den gefährlichsten Gegner Österreich-Ungarns errungen, einen Erfolg, der nur insoferne an Tragweite etwas einbüßte, als Prinz Ferdinand, dem auf Betreiben Ruß­lands die offizielle Anerkennung als Fürst von Bulgarien durch die Signa­tarmächte des Berliner Vertrages allerdings noch auf Jahre hinaus versagt blieb, sich bald zu einer Herrscherpersönlichkeit entwickelte, der man nur mit großer Vorsicht und keineswegs vertrauensselig gegenübertreten durfte. Es lag freilich nicht in Kálnokys politischem Konzept, den Fehler Rußlands imitierend, in Bulgarien wie auch in den anderen Balkanstaaten in aufdringlicher Weise Fuß fassen zu wollen; er begriff sehr wohl, daß die Zeit hiefür schon vorüber war. Er blieb nach wie vor bei seinem Programm, 22*

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