Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze
340 Ernst R. Rutkowski auf die innenpolitische Entwicklung der Balkanstaaten keinen nachhaltigen Einfluß zu nehmen, in außenpolitischer Hinsicht jedoch keine für die Interessen Österreich-Ungarns gefährliche Konstellation zuzulassen. Nach diesem Prinzip führte er auch seine Politik gegenüber Serbien fort, als König Milan dem Thron entsagte und für seinen minderjährigen Sohn Alexander eine Regentschaft an die Spitze des Landes trat, die geneigt war, mit Rußland zu liebäugeln. Der politische Geheimvertrag konnte zwar noch vor der Abdankung Milans verlängert werden, doch maß ihm Kálnoky keine wesentliche Bedeutung mehr bei. Er vertrat den Standpunkt, daß bei Fortführung einer konsequenten und energischen Politik gegenüber den Balkanstaaten unter tunlichster Ausschaltung des russischen Einflusses auch Serbien von sich aus allein nicht in der Lage sein würde, eine feindselige Haltung Österreich-Ungarn gegenüber einzunehmen. Diesen Richtlinien folgend, gelang es Kálnoky auch bis zu seinem Rücktritt, die Zügel der Balkanpolitik fest in der Hand zu behalten. In der durch die bulgarische Krise gekennzeichneten zweiten Hälfte der 80er Jahre hatte Kálnoky — bei aller Selbständigkeit in der Führung der Balkanpolitik — an Bismarcks europäischer Politik doch einen gewissen Rückhalt finden können, ohne daß er sich in den Bann des großen deutschen Kanzlers hätte ziehen lassen. Er hatte in diesen problematischen Jahren nachgerade Gelegenheit genug gehabt, das politische System seines großen Mitspielers auf der diplomatischen Bühne gedanklich zu erfassen und zu durchdringen, um seine Konsequenzen daraus zu ziehen. Nach dem von ihm persönlich sehr bedauerten Rücktritt Bismarcks sah er sich dem unsteten und ohne festes Konzept arbeitenden Neuen Kurs gegenüber in die Notwendigkeit versetzt, angesichts der französisch-russischen Annäherung die Initiative für einen Ausgleich der Kräfte, für eine Heranziehung Englands an den Dreibund zu ergreifen. Er erreichte zwar nicht das, was ihm erstrebenswert erschien — die englische Abneigung gegen feste Bindungen und die zwischen Deutschland und England immer mehr aufbrechenden, meist kolonialen Gegensätze verhinderten nebst anderen Momenten eine Allianz. Er gab es trotzdem nicht auf, der französischrussischen Verbindung entgegenzuwirken, wo er konnte. Weil er sich sagte, daß Zwistigkeiten zwischen den Mittelmächten und Rußland dieses noch mehr ins französische Fahrwasser treiben würden, blieb er bei voller Wahrung der eigenen Interessen mit Rußland auf gutem Fuße und wirkte in diesem Sinne auch in Berlin. Da durch die bestehenden Bündnisse die europäischen Mächte bereits in einer bestimmten Gruppierung zu einander standen, schien ihm die Pflege des europäischen Gleichgewichtes mit Recht dringlicher denn je, wobei er besonderes Gewicht auf gute Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und England legte. Unter diesen Gesichtspunkten ging er in den letzten Jahren seiner Amtstätigkeit an die Lösung der sich jeweils ergebenden Fragen und Probleme, die die Interessen Österreich-Ungarns mittelbar oder unmit-