Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze
332 Ernst R. Rutkowski seines kaiserlichen Herrn gewann schließlich über seine Bedenken die Oberhand, und am 10. Dezember 1881 übernahm er die Leitung des Ministeriums. Er zählte damals 49 Jahre. Seine äußere Erscheinung verriet noch immer den routinierten Reiter der Jugend, und eine verhaltene, unaufdringliche Eleganz kennzeichnete sein ruhiges und sicheres Auftreten. Im Verkehr mit fremden Diplomaten und mit Persönlichkeiten des ausländischen politischen Lebens fiel eine gemessene Zurückhaltung auf, die aber bald schwand, wenn ein näherer Kontakt hergestellt war. In eine Art von persönlichem Verhältnis mit ihm zu kommen, war freilich schwer und nur ganz wenige erreichten es. Den eigenen Diplomaten gegenüber war er aufgeschlossener. Den Pflichten seines Amtes kam er mit außergewöhnlicher Gewissenhaftigkeit nach. Er trachtete von Anfang an danach, über jede Kleinigkeit informiert zu werden und sein Wissen nach jeder Richtung zu erweitern und zu vertiefen. Er überraschte die eigenen Missionschefs oft durch seine vorzüglichen Informationen, während er sich überdies im Bereiche der diplomatischen Korrespondenz ein gewaltiges Pensum aufbürdete; er war von dem Streben erfüllt, möglichst viel selbst zu erledigen. Kein Außenminister der Monarchie hat so viele Konzepte von Telegrammen, Weisungen und offiziellen Privatbriefen an die Missionschefs eigenhändig geschrieben wie er. In Krisenzeiten, wenn die Telegramme aus den Hauptstädten Europas einander jagten, wenn die Kurierexpeditionen den doppelten und dreifachen Umfang erreichten, wenn die ausländischen Diplomaten den Minister fast täglich zu längeren Besprechungen aufsuchten, wenn sich die politische Situation täglich, ja mitunter stündlich veränderte, wenn binnen kurzer Zeit schwerwiegende Entschlüsse zu fassen waren, Entschlüsse, die in eine klare schriftliche Form gegossen werden mußten, dann erforderte die Beibehaltung eines solchen Systems das Aufgebot einer überdurchschnittlichen Arbeitskraft. Über eine solche verfügte der Minister denn auch, und er bewältigte auch in kritischen Zeiten die gesamte diplomatische Korrespondenz, nur unterstützt von ein oder zwei tüchtigen Konzeptsbeamten, die er nach und nach zu Eingeweihten seiner politischen Ideen und Gedankengänge gemacht hatte. Aber auch deren Konzepte unterzog er stets gründlichen Korrekturen. Die Leiter der politischen Referate hatten daher nicht unrecht, wenn sie darüber klagten, der Minister lasse ihnen nur wenig Arbeit. Graf Kálnoky war kein Feuergeist und es fehlten ihm die Voraussetzungen für eine kühne Schöpfernatur, die die Probleme im staatlichen Zusammenleben der Völker intuitiv erfaßt und genial gelöst hätte. Seine besonnene Natur, in der das beharrende Moment überwog, ließ ihn immer mit großer Vorsicht und Überlegung an Aufgaben herangehen, die ihm gestellt waren. Gestützt auf einen scharfen Verstand und ein selbständiges Urteil, bemühte er sich stets, die jeweilige politische Situation mit allen ihren Hinterhalten zu durchdringen und pflegte sich über alle in Frage