Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze
Gustav Graf Kálnoky 333 kommenden Eventualitäten Rechenschaft zu geben, bevor er in eine Aktion eintrat. Er vermied das Risiko und neigte nicht zu Täuschung und Hinterlist; er war auf Klarheit in der Konzeption und auf Konsequenz in der Durchführung seiner Politik bedacht. Wenn ihm auch im allgemeinen ein selbständiges, aktives Vorgehen nicht lag, so bewies er doch große Geschicklichkeit in der Ausführung der ihm gestellten Aufgaben und führte in der Verteidigung einer einmal gewonnenen Position eine überaus geschmeidige Klinge. Aus den Gegebenheiten folgernd, mit denen die österreichisch-ungarische Monarchie in politischer, wirtschaftlicher und geographischer Hinsicht zu rechnen hatte, entwarf Kálnoky sein politisches Programm. Es war keine den Globus umspannende Politik, die er zu führen hatte, es war die Politik einer Großmacht auf europäischer Basis. Während die meisten europäischen Staaten durch den Imperialismus, durch das Streben nach Kolonien, beherrscht wurden, und der sich abzeichnende wirtschaftliche und industrielle Aufschwung bereits den Keim künftiger Konflikte in sich barg, verzichtete Österreich-Ungarn auf eine weltweite Politik und beschränkte sich darauf, seine Stellung im Kräftespiel der Großmächte zu wahren. Die außen- wie innenpolitische Lage, aber auch die schon wiederholt zum Erfolg geführte Idee des Nationalismus ließ eine territorial-expansive Außenpolitik nicht zu. In ihrer zentralen Lage mußte die Donaumonarchie schon von Natur aus auf eine Unmenge von Faktoren Rücksicht nehmen, wobei die Balkanhalbinsel und Rußland an erster Stelle standen. Die rivalisierenden Balkanstaaten bildeten bei der Verfolgung ihrer gegen die Türkei und im geheimen auch gegen Österreich-Ungarn gerichteten nationalen und territorialen Ausdehnungstendenzen auch nach dem Berliner Kongreß von 1878 einen dauernden Unruheherd. Dabei stellte die Balkanhalbinsel in politischer Hinsicht eine Schlüsselstellung, in wirtschaftlicher sogar eine Lebensnotwendigkeit für den Habsburgerstaat dar. Das wurde noch überschattet, bzw. gesteigert durch den Gegensatz zwischen Rußland und Österreich-Ungarn. An der Sängerbrücke wollte man die panslawistische Mission, der man sich trotz der Versicherungen friedlichen Einvernehmens insgeheim doch verpflichtet fühlte, nicht aufgeben, während man am Ballhausplatz wußte, daß das Vordringen des Panslawismus für Österreich-Ungarn in jeder Hinsicht eine große Gefahr bedeutete. Es mußte unter anderem auch zu einer Erdrosselung der wirtschaftlichen Interessen auf der Balkanhalbinsel führen. Diese wirtschaftlichen Interessen, die — grob gesehen — als erstes Ziel die Belieferung der Balkanstaaten mit heimischen Industrieprodukten, und als letztes Ziel die Angliederung Südosteuropas an den mitteleuropäischen und nicht an den russischen Wirtschaftsmarkt verfolgten, konnten nur gedeihen, wenn sie von einem wohlabgewogenen politischen Einfluß gedeckt, bzw. gefördert wurden. Hatte Graf Andrássy die Okkupation Bosniens und der Herzegowina in dem Bestreben durchgesetzt, den territorialen Erweite-