Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze
Gustav Graf Kálnoky 331 wurde dann der Botschaft in London zugeteilt, wo er 10 Jahre verblieb. Als er die Themsestadt 1870 wieder verließ, hatte er sich durch den engen Kontakt mit den britischen Staatsmännern und durch die genaue Beobachtung der englischen Politik reiche diplomatische Erfahrung aneignen können. Einer kurzen Zeit als Gesandter beim Vatikan folgten fast zwei Jahre der Disponibilität und dann weitere fünf Jahre auf dem Gesandtenposten in Kopenhagen. Erst die provisorische Versetzung nach St. Petersburg im Sommer 1879, die nach Andrássys Entlassung unter gleichzeitiger Ernennung zum Botschafter eine endgültige wurde, stellte Kálnoky in das komplizierte Getriebe der großen Politik der europäischen Kabinette der damaligen Jahre. Eine geheime Mission nach Berlin brachte ihm sogleich die persönliche Bekanntschaft des Fürsten Bismarck. Da Kálnoky in Berlin als nicht besonders deutschfreundlich galt, fand es der deutsche Reichskanzler ratsam, ihm in einem mehrstündigen Vortrag die Notwendigkeit des deutsch- östereichisch-ungarischen Bündnisses von 1879 darzulegen und ihm seine auch Frankreich gegenüber verfolgte Friedenspolitik zu begründen. Die aus dieser Unterredung gewonnenen Kenntnisse wurden durch die indirekte Teilnahme an den schwierigen Verhandlungen, die zum Abschluß des Drei- Kaiser-Bündnisses im Juni 1881 führten, wesentlich vertieft. Daneben gelang es Kálnoky bald, sich eine vorzügliche Stellung am Zarenhofe und in den politischen Kreisen St. Petersburgs zu schaffen, sodaß er der gestellten Aufgabe, der russischen Politik in die Karten zu sehen, vollauf gerecht werden konnte. Desgleichen widmete er sein besonderes Augenmerk den inneren Verhältnissen des Zarenreiches, dem in den Jahren 1879 bis 1881 durch die Anschläge der Sozialrevolutionären Parteien auf das Leben Zar Alexanders II. der Stempel aufgedrückt war. In den Berichten und Privatbriefen, die er über außen- wie innenpolitische Ereignisse und Zustände nach Wien sandte, zeigte er sich als ambitionierter Beobachter von kritischem Urteil. Darüber hinaus griff er aber auch Probleme auf, die außerhalb seines spezifischen Wirkungskreises lagen und setzte sich mit ihnen in kluger und durchdringender Weise auseinander. Kaiser Franz Joseph entging das nicht — es mußte ihm ja fast die ganze diplomatische Korrespondenz vorgelegt werden —, und er besaß auch einen feinen Sinn dafür, ob ein Berichterstatter das Wesentliche erfaßte oder nicht. Wiederholt äußerte er sich in Form von Randbemerkungen anerkennend über seinen Botschafter in Petersburg, und es kam daher nicht überraschend, als er nach dem frühen Tode Baron Haymerles dem Grafen Kálnoky das Portefeuille des Ministeriums des kaiserlichen Hauses und des Äußeren übertrug (20. November 1881). Graf Kálnoky kam die Berufung auf diesen schweren Posten zwar nicht unerwartet, allein er wäre noch gerne einige Jahre Botschafter geblieben, um sich noch den letzten Schliff aneignen zu können. Auch hatte er als Berufsdiplomat so gut wie keine Beziehungen zur Innenpolitik der beiden Reichshälften. Der Wunsch