Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze

Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze. Von Ernst R. Rutkowski (Wien). Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, in einer Zeit des mehr oder weniger verdeckten Ringens der europäischen Staaten um politische Vor­macht und wirtschaftlichen Einfluß, lenkte im Haus am Ballplatz durch 13Y2 Jahre ein Mann die Außenpolitik der österreichisch-ungarischen Monarchie, dessen Bedeutung und dessen Leistungen bei der Nachwelt unverdientermaßen fast ganz in Vergessenheit gerieten — dies vor allem deshalb, weil er es aus natürlicher Bescheidenheit unterließ, sich durch Abfassung von Denkwürdigkeiten der Geschichtsforschung als Forschungs­objekt anzubieten. So kommt es, daß sein Wesen und sein Werk erst durch die Kenntnis der umfangreichen Aktenbestände des österreichisch­ungarischen Ministeriums des kaiserlichen Hauses und des Äußeren und durch Verwertung so mancher in privaten Händen befindlichen Korre­spondenzen erschlossen werden kann. Gustav Graf Kálnoky von Köröspatak wurde am 29. Dezember 1832 auf Schloß Lettowitz in Mähren geboren. Die Kálnokys sind ein altes Székler Geschlecht, das 1697 in den Grafenstand erhoben worden war. In der zwei­ten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde ein Zweig der Familie in Mähren ansässig und nahm durch Heiraten starke deutsche, bzw. österreichische Elemente auf, sodaß schließlich der Minister, der eben diesem mährischen Zweig entstammte, auf mehr deutsch-österreichische als ungarische Ahnen zurückblicken konnte. Dieser Umstand sowie seine im wesentlichen öster­reichische Erziehung bewirkten, daß er sich selbst nie als Ungar fühlte und später als Minister Einflüssen unzugänglich blieb, die das ungarische Kabinett auf seine Außenpolitik gerne genommen hätte. Sicher ist, daß er dem siebenbürgischen Teil seiner Vorfahren den militärischen Geist ver­dankte, der ihn in jungen Jahren zum Einschlagen der Offizierslaufbahn bestimmte, während ihm von seinen deutsch-österreichischen Ahnen — Schrattenbach, Blümeggen — ein beträchtliches Maß staatsmännischer Be­gabung vererbt war, das später den Ausschlag beim Wechsel des Berufes gegeben haben mag. Noch nicht 17jährig, trat er als Kavallerieoffizier in die Armee ein, vertauschte aber schon nach wenigen Jahren seine aussichtsreiche Karriere mit der Laufbahn des Diplomaten. Diese durchlief er, ohne besonders hervorzutreten, verbrachte mehrere Jahre in München und Berlin und

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