Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
GASSER, Peter: Die Handelsbeziehungen des Litorale zu den Ländern der böhmischen Krone im 18. Jahrhundert
Die Handelsbeziehungen des Litorale 97 vollinhaltlich die Pläne des Grafen Lichnowsky. Der Kommerzienrat trat diesen Projekten skeptischer entgegen, da seiner durchaus berechtigten Meinung nach die Triester Handelsschiffahrt solchen Anforderungen noch keineswegs gewachsen war. Der aufgezwungene Export böhmischer Textil-, Glas- und Porzellanwaren mußte sich, schon durch die Schiffsknappheit bedingt, auf die traditionelle Triester Ausfuhr ungünstig auswirken, zu deren Hauptkontingenten die Eisen- und Stahlerzeugnisse aus Kärnten-Steiermark, das in Krainisch-Idria geförderte Quecksilber und landwirtschaftliche Produkte aus Ungarn bzw. Kroatien, wie Wein, Honig und Tabak zählten. In seiner Stellungnahme wurde der Kommerzienrat auch durch die Haltung der böhmisch-mährischen Städte, die in ihrer überwiegenden Mehrheit keine Freude an dem Projekte Lichnowskys finden konnten, bestärkt. So berichteten die Stadtadministratoren von Troppau, daß sich dort keine Kaufleute fänden, „die bereit wären, ihr Negotium über den Seehafen Triest zu führen“ * 19). Ähnlich war auch die Reaktion in Jägerndorf. Im Jahre 1770 wurde der Triester Kaufmann Jakob H i r s c h e 1 zum Studium der Produktionsverhältnisse nach Böhmen entsandt. Hirscheis ausführlicher Bericht vom 28. XI. 1770, der den kommenden Beratungen als Grundlage dienen sollte, zeigte zunächst die zu erwartenden Schwierigkeiten auf20). Der Triestiner Kaufmann fand es begreiflich, daß die böhmischen Händler bei freier Wahl ihre Ausfuhr lieber über Hamburg als über Triest tätigen würden, da „ein jeder, wenn er auch kein Negotiant sey, ungern einen schon seit Jahrhunderten begangenen alten Weg verlassen wolle“. Als ersten Schritt schlug Hirschei die Umleitung der Glasexporte zur Gänze über Triest vor. In seinem Bericht vom 5. I. 1771 zeigte sich das böhmische Guber*ium von H i r s c h e 1 s Überzeugungskraft sichtlich beeindruckt und von seinem Plan, in Friedland, Bunzlau und Königgrätz Textilschulen zu errichten, begeistert. Das Lehrziel, Lehrlinge mit der Leinwandverarbeitung vertraut zu machen, konnte, nach H i r s c h e 1, jeweils binnen Jahresfrist erreicht werden. In der Folge sah er für die Absolventen dieser Schulen einen Aufenthalt in Triest vor, um ihnen, wie er sich ausdrückte „ ... die Kund- nis des dasselbigen Handels beybringen zu können“. Abschließend versicherte das Gubernium in dem vorerwähnten Bericht, daß bis dato einzig der unterschiedliche Frachtpreis für Böhmens Kaufleute der Grund, ihre Waren nicht über Triest zu exportieren, gewesen sei. Diese Behauptung entsprach jedoch keineswegs den Tatsachen. Wollte der von Jakob Hirschei erläuterte Plan des Grafen Lichnowsky die etappenweise Umleitung der böhmischen Ausfuhren, so schlug ein neues, Anfang 1771 von dem Lombarden S e r i o n e unterbreitetes Projekt drastischere Maßnahmen zur Erreichung desselben Zieles is) HKA.: Lit. Fasz. 133 (197). a«) HKA.: Lit. Fasz. 133 (322). Mitteilungen, Band 14 7