Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

Rezensionen 563 Aufgabe sehr begeistert. Es ist ihm gelungen, viele Amerikanismen des Originals zu mildern und auch einige Geschmacklosigkeiten des Ausdrucks, an denen sich vielleicht überempfindliche europäische Leser hätten stoßen können, auszumerzen. So unterscheidet sich die deutsche Fassung auch durch einen gepflegten Stil wohltuend von der vielfach saloppen Schreib­weise der englischen Ausgabe. Das an sich glänzende Vorwort zur deutschen Ausgabe krankt an einem Übermaß von aktuellen Bezügen, wie übrigens auch die Karl-Feiern des Jahres 1959 zu sehr im Dienste einer verschwommenen Europa-Ideologie standen. T. selbst ist da mit Recht etwas vorsichtiger. Peter Rassow, der größte lebende Kenner der Frage, hat in seinem Kölner Festvortrag darauf hingewiesen, daß der Kaiser sich keineswegs als Gallionsfigur für das Schiff der Europabewegung eignet, auch nicht als Symbol der Hispanidad. So sehr Karl an seiner Aufgabe gereift ist, mußte er doch an ihr scheitern und mit der eigentümlichen Verschmelzung dynastischer und imperialer Ideen läßt er sich absolut nicht als Vorbild für die Gegenwart verwenden. Überhaupt wird m. E. Karl in seiner historischen Größe — wie übrigens im gleichen Jahr in ähnlichen Gedächtnisfeiern sein Großvater Maximilian I. — überschätzt. Es ist eine merkwürdige, wiederholt zu beobachtende Erscheinung bei den Habsburgern auch in neuerer Zeit, daß die älteren Brüder weniger begabt sind als die jüngeren. Im vorliegenden Fall war von den beiden Brüdern der der Vergangenheit mehr verbundene, in der burgundischen Geisteswelt aufgewachsene Karl zweifellos der vornehmere Charakter. Doch den Erfordernissen einer Schwellenzeit war der aus der realistischen politi­schen Schule in Spanien hervorgegangene jüngere Bruder mehr gewachsen. Was die Größe als Herrscher anbelangt, kann wohl kaum ein Zweifel beste­hen, daß Ferdinand den ersten Platz unter allen Habsburgern beanspruchen kann. Seine staatsmännischen Leistungen bei dem Aufbau der habsburgi­schen Machtstellung im Osten, vor allem bei der Türkenabwehr können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und wenn T. in seinem Schlußwort in konservativer Sicht das habsburgische System zu rehabilitieren versucht, müssen seine Ausführungen dahin korrigiert werden, daß jene Ordnung im Donauraum nicht von Karl V. herstammt, sondern von Ferdinand I. begrün­det wurde. Hier ist auch eine große Aufgabe, die der österreichischen Geschichts­forschung und Geschichtsschreibung noch gestellt ist. Wir dürfen bei der heutigen Überbewertung historisch oft sehr fragwürdiger gesamteuropäi­scher Momente nicht die eigene Geschichte aus den Augen verlieren. Der Rezensent, der selbst hofft, die jüngsten Forschungen Borns über die Rolle des Realpolitikers Moriz von Sachsen in einigem von der Seite Ferdinands zu ergänzen und neues Material zum Sukzessionsstreit der Brüder beitragen zu können, darf vielleicht in diesem Zusammenhang an die von Wilhelm Bauer begonnenen und nicht weiter geführten Arbeiten über Ferdinand I. erinnern. Es wäre schön, wenn in Österreich einmal eine Biographie dieses Herrschers zustande käme, die wie die von Brandi ihrem Gegenstand gerecht wird. Rudolf Neck (Wien). 36*

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