Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

564 Literaturberichte Benedikt Heinrich, Der Pascha-Graf Alexander von Bonneval 1675—1747. Verlag Böhlau, Graz-Köln 1959 (216 Seiten mit 5 Abbildungen). Es ist verständlich, daß eine Gestalt wie die des Grafen Alexander Bonneval den Historiker fasziniert. Was für eine vielfältig schillernde Per­sönlichkeit war er doch? Aristokrat, Soldat, Diplomat, Renegat! „Ja, das alles auf Ehr, kann ich und noch viel mehr...“ könnte der Pascha-Graf gleich dem Zigeunerbaron von sich sagen, ohne damit den Inhalt seines wahrhaft abenteuerlichen Lebens ganz erschöpft zu haben. Dieser Mann, der in französischen, kaiserlichen und türkischen Diensten scheinbar allen Sätteln gerecht wurde, der sich der Erörterung wissenschaftlicher Pro­bleme ebenso gewachsen zeigte, wie den Gefahren einer Schlacht oder den Anstrengungen eines gewiß nicht kleinbürgerlich verbrachten Lebens, ein solcher Mann fordert förmlich dazu heraus, sich mit seinem Wesen, seiner Eigenart näher zu befassen. Heinrich Benedikt ist seinen Spuren schon vor vielen Jahren mit sehr viel Liebe und Einfühlungsvermögen nachgegangen. Ergänzt durch die inzwischen erschienene Literatur über Bonneval, vor allem durch das Bild, das Max Braubach von ihm entworfen hat, ist daraus nun ein sehr inhalts­reiches Buch entstanden. Der Autor war hierbei offensichtlich bemüht, die positiven Seiten seines Helden mehr in Erscheinung treten zu lassen, als dies bisher der Fall war, und ihm vor allem für seine Tätigkeit in der Türkei eine, von persönlichen Rachegefühlen und Ressentiments freie, politisch-konstruktive Idee zu unterlegen. Der Held macht es seinem Bio­graphen allerdings nicht leicht, denn Bonneval straft ja alle Versuche, ihn besser zu machen als er war, noch auf dem Totenbett dadurch Lügen, daß er sich in haßerfüllten Ausfällen gegen Österreich ergeht, etwas, was in der vorliegenden Publikation scheinbar übersehen wurde, aber bei Braubach belegt ist. Auch sonst zeigt dieses etwas frühreife Kind der Aufklärung, das seine Religion wie einen alten Hut wechselt, gerade im persönlichen Bereich manches, was — auch bloß angedeutet — genügt, um den Leser zu der Frage zu veranlassen, ob nicht die Brillanz und der Esprit der Benedikt’schen Darstellungskraft dem Grafen Bonneval doch etwas über Gebühr zugute gekommen sind ? Sehr schwierig zu beurteilen ist dies vor allem bezüglich des Einflusses, den Bonneval während seiner letzten Lebensjahre auf die Hohe Pforte ausgeübt haben soll. Benedikt, gestützt auf die Wiener Quellen, ist geneigt, ihn sehr hoch anzuschlagen. Die Dokumente sprechen in der Tat scheinbar überzeugend. Aber man muß sich doch fragen, ob nicht die kaiserlichen Stellen auch hier den so häufigen Fehler begangen haben, den Einfluß eines ihnen mißliebigen Emigranten höher einzuschätzen, als dies wirklich der Fall war. Um das zweifelsfrei zu entscheiden, müßte man freilich erst die türkischen Archive konsultieren. Aus den Wiener Archiven aber, die der Verfasser sehr gründlich durchforscht hat, kam eine Unzahl höchst signifikanter Details zum Leben Bonnevals zutage und es ist eigentlich zu bedauern, daß diese interessante Arbeit in ihrem vollen Umfang nicht schon früher erschienen ist. Nicht zuletzt deshalb, weil sich durch die lange Wartezeit doch zwangsläufig eine gewisse Entfremdung zwischen Quelle und Text eingestellt hat, wie man

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