Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)
BRUSATTI, Alois: Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im österreichischen Vormärz
Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im österr. Vormärz 379 Advokaten, Ärzte am häufigsten, im geringeren Ausmaß Handwerker und Landwirte; aber auch verschiedene Institutionen, wie Knappschaftskassen, Berufsorganisationen, irgendwelche Fonds, waren Besitzer solcher Papiere. In den Vierzigerjahren scheinen auch Dienstboten, vor allem in Wien, vom „Speculantenfieber“ ergriffen zu sein, wie dies aus Polizeiberichten hervorgeht; und als das Bankhaus Wedel 1840 fallierte, verloren viele kleine Leute, darunter auch Dienstboten, ihr Geld 141). Auch die Hofkammer, die an sich sehr für den privaten Kreditmarkt eintrat, beobachtete mißtrauisch diese grenzenlose Speculation und meinte: „Waghälse benützten die allgemeine Duldung, bringen solche Papiere, die einer kaum kennt, auf die Börse und treiben damit umso ärgeres Spiel, als sie da selbst gar nicht legal verhandelt werden dürfen“ 142 * *). Aus all dem ergibt sich, daß für den Kapitalmarkt das Inland fast vollständig ausreichte; wohl strömte durch Industriegründungen von Personen, die nach Österreich einwanderten 14S), auch Kapital mit herein, doch dürfte es nicht allzu bedeutend gewesen sein. Es waren auch ausländische Banken am österreichischen Kapitalmarkt interessiert, aber deren Interesse dürfte sich weitgehend nur auf staatliche Anleihen beschränkt haben; bei dem Zusammenbruch der Häuser Geymüller und Steiner ergab es sich, daß z. B. Berner Häuser stark am österreichischen Staatskredit beteiligt waren, aber keine Bindungen an österreichische Unternehmungen hatten; auch von Geschäftsverbindungen der sonst mit Österreich stark verbundenen Frankfurter Banken zu österreichischen Unternehmungen hören wir nichts. Auch die Rothschilds haben am Londoner und Pariser Markt wohl reichlich mit Staatseffekten, aber kaum mit Industriepapieren gehandelt und die Aktien der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn und des Triestiner Lloyd wurden vollständig im Inland abgesetzt. Es hatte sich also in Österreich — mit Schwerpunkt in Wien, Böhmen und der Lombardei — im Privatbankwesen zur Ausbildung einer kapitalistischen, industriellen Wirtschaft ein gut funktionierendes Instrument entwickelt, so daß, auf dieser Grundlage aufbauend, in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. der Durchbruch Österreichs zum industriellen Zeitalter erfolgen konnte. 141) Vgl. „Wien 1840—1848“. Eine amtliche Chronik, hggb. von Karl Glossy, Wien 1917; passim. 142) FA: 7430 ex 1845. 442) Z. B. die Industriellenfamilie Schöller; vgl. H. Benedikt: Alexander von Schöller, Wien 1958.