Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

BRUSATTI, Alois: Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im österreichischen Vormärz

378 Alois Brusatti uns die Anschauung der damaligen führenden Persönlichkeiten eher ver­ständlich. Aber die kaufmännische Gebarung der Staatsverwaltung war im Zeitalter des Merkantilismus noch schlechter und trotzdem war man damals allgemein überzeugt gewesen, daß die Staatsverwaltung auch gut wirt­schaften könne. Den entscheidenden Umbruch der Anschauung hatte der Einbruch des Wirtschaftsliberalismus mit sich gebracht oder, wie es oft damals hieß, „der Einzug der geläuterten Grundsätze der Nationalökono­mie“, der in den ersten 20 Jahren des 19. Jahrhunderts erfolgte. Allerdings führten die Schwierigkeiten beim Bahnbau um und nach 1840 zu einer gewissen Wendung der Anschauung und die Folge war, daß Ausbau und Führung der Eisenbahnen zum Teil in die Hände des Staates übergingen. Da es nur auf dem Gebiet des Verkehrswesens zu einer stär­keren Einschaltung des Staates in das wirtschaftliche Leben kam, so kann man behaupten, daß bei dieser Einschaltung außerwirtschaftliche Momente, wie politische und strategische Aspekte, den Ausschlag gegeben hatten. Das Kapital zum Ausbau der verschiedenen Unternehmungen wurde also wesentlich durch die Privatbanken — um diesen modernen Terminus zu gebrauchen — aufgebracht. Diese Banken besaßen wohl ein recht beacht­liches Eigen vermögen, das aber für die immer umfangreicheren Kredit­aktionen nicht ausreichen konnte. Die Banken mußten sich also an das „Publicum“ wenden; dies taten sie, indem sie die Emission von Aktien, von Teilschuldverschreibungen für Anleihen usw. durchführten. Dazu kam auch die Verwaltung von Depositen der verschiedensten Bevölkerungs- Schichten. Wir haben gehört, daß Rothschild das Vertrauen eines beacht­lichen Teils der europäischen Hocharistokratie besaß und er konnte mit den ihm anvertrauten Vermögenschaf ten viele Operationen durchführen; auch vom Bankhaus Arnstein & Eskeles ist bekannt, daß es die Gelder der aus­ländischen, in Wien akkreditierten Gesandten verwaltete139), die Bank­häuser Sina und Stametz genossen wieder das Vertrauen des ungarischen und böhmischen Hochadels, Lämel in Prag wieder das der Bürger dieser Stadt. Dazu kamen zahlreiche kleinere Einlagen aus allen Bevölkerungskreisen. Einen guten Einblick gewähren uns die Kreditakten des Hofkammer- und des Finanzarchivs; jede Aktie, jede Teilschuldverschreibung war ja auf einen bestimmten Namen ausgestellt und jede Änderung, die durch Todfall, Verkauf usw. vorkam, bedingte auch eine Namensänderung, die in nicht ganz zweifelsfreien Fällen durch die Hofkammer bestätigt werden mußte140). Es ist überraschend, festzustellen, wie groß die Streuung dieser Wertpapiere war und wie oft es vorkam, daß ein Besitzer nur ein Stück Anleihe usw. hatte. Alle Bevölkerungsschichten scheinen auf: Pfarrer, >39) Lt. Österreichische National-Enzyklopädie (Stichwort Arnstein & Eskeles. 140) Vgl. Briefwechsel zwischen Hofkammer und Bankhaus August Wedel, HKA, Präsidialakten: 22664 ex 1821.

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