Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)
BRUSATTI, Alois: Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im österreichischen Vormärz
370 Alois Brusatti Solche bargeldlosen Überweisungen war ja eines der Geheimnisse des Aufstieges des Hauses Rothschild 118); denn dieses Bankhaus hatte für die Geldremittierungen 1814 nur 0,5—2% Zinsen verlangt, während der damalige Leiter der österreichischen Finanzverwaltung, Graf Ugarte, berechnete, daß durch den Geldtransport und noch mehr durch Wechselverluste der dritte Teil der zu überweisenden Summe wegfallen würde U9). Bei den bargeldlosen Überweisungen hatten die Bankhäuser überhaupt keine Verluste und es scheint auch der Fall gewesen zu sein, daß sie bei den Wechselgeschäften noch Gewinne erzielt hatten; wenn solche Geldremittierungen Daueraufträge wurden, hatten die Banken außerdem noch den Vorteil, große Summen zur Verfügung zu haben, mit denen sie anderwärts operieren konnten. Erst durch die „kk. privilegierte österreichische Naitonalbank“ schuf sich der Staat ein Instrument, das — unter anderem — auf einem beschränktem Gebiet einen bargeldlosen Geldverkehr ermöglichte. Die Nationalbank stellte Anweisungen auf die „Provinzialverwechslungskassen“ in Prag, Lemberg, Brünn, Hermannstadt, Temesvár, Ofen, Graz, Triest, Linz, Innsbruck, Kaschau aus und löste die Tratten derselben ein 12°). Es ist daher begreiflich, daß die Vermittler der Staatsanleihen, die so genannten, allerdings offiziell nicht so bezeichneten Staatsbankiers, auch die leistungsfähigsten Vermittler für Privatkredite waren. Es war daher der Wunschtraum jedes „Großhandlungs- und Wechselhauses“, einer der Staatsbankiers zu werden. In den Jahren um 1820 waren es zunächst die Firmen Melchior Steiner & Neffe, Arnstein & Eskeles, Geymüller & Co. und Fries & Co., von denen die erstgenannte Firma um 1820—22 durch M. A. Rothschild & Söhne verdrängt wurde. Diese Häuser beherrschten fast vollständig den Staatskredit, aus dem sich die bis zur Finanzkrise 1811 führenden holländischen und Frankfurter Firmen zurückgezogen hatten. 1826 schied Fries, 1841 Geymüller aus dem Kollegium der großen Häuser durch Konkurs aus; seit 1830 schob sich dann immer mehr das Haus Simon G. Sina ein und sollte von 1840 bis 1852 zusammen mit Arnstein & Eskeles und Rothschild die erste Rolle spielen. 1841 versuchte Leopold Lämel (Prag) vergeblich Staatsbankier zu werden * 121)Es ist schon einmal erwähnt worden, daß diese Finanzleute zuerst oft Großhändler, Fabrikanten oder andere Unternehmer waren, bevor sie sich dem Kreditwesen widmeten; nur bei dem Aufstieg der Rothschild und bei Fa. Arnstein & Eskeles traf dieser Weg nicht zu. Auch bei den Häusern, die noch aus dem 18. Jh. herüberragten, ging der Weg über den Finanzweis verdanke ich der freundlichen Mitteilung von Herrn Dozenten Dr. Has- singer.) os) Conte Corti: Rothschild ..., Bd. I., S. 51. 09) Conte Corti: Rothschild ..., Bd. I., S. 144. 120) Hübner: Die Banken . .., S. 117. 121) FA: 4495 ex 1841.