Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

BRUSATTI, Alois: Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im österreichischen Vormärz

Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im österr. Vormärz 371 mann zum Unternehmer. So bei den Brüdern Geymüller, die 1805 die Firma Geymüller u. Comp, errichteten und die bereits 1810 geadelt wurden und 1824 den Freiherrnstand erhielten. In den Zwanzigerjahren bekam dieses Haus jenen legendären Reichtum, wie es später nur Rothschild erreichen sollte122). In einer großen Anzahl von Unternehmungen saßen die Brüder Geymüller im Vorstand und der Neffe Johann Heinrich Geymüller sollte bis zum Zusammenbruch des Hauses Direktor der Nationalbank sein. Eng mit diesem Haus war auch die ebenfalls aus der Schweiz stammende Fa­milie Melchior Steiner (Onkel und Neffe) verbunden; diese waren zuerst Fabriksbesitzer, bevor sie in das Bankgeschäft einstiegen, wobei sie aber das im Bankgeschäft erworbene Vermögen wieder dazu benutzten, um Kupferhämmer und Schmaltefabriken zu erwerben123). Der Zusammen­bruch der beiden Häuser, vor allem des Hauses Geymüller 1841 erregte größtes Aufsehen und war begründet in der scharfen Konkurrenz der erst später hochgekommenen Häuser, wie Rothschild und Sina, lag aber auch zum Teil in den leitenden Personen begründet124). Die Folgen des Konkur­ses waren für die Unternehmungen, an denen noch andere Banken beteiligt waren, weniger schmerzlich, weil dort die Aktien der beiden in Konkurs geratenen Häuser aufgekauft wurden. Bedenklich waren nur die Folgen bei den Firmen, bei denen die zwei Banken Hauptaktionäre waren, wie bei der Wiener Dampfmaschinenfabriks-AG., zu deren Aufrechterhaltung der Staat beispringen mußte 125); auch auf den Handel und auf den Kredit­verkehr mit der Schweiz wirkte sich der Geymüllersche Konkurs nachteilig aus 126). 12-) Vergleiche auch Grillparzers geistreich-ironisches Gedicht über die Pa­piere des Hauses Geymüller. — Über die Familie Geymüller am meisten in der Österreichischen National-Enzyklopädie. 123) Slokar: Industrie ..., S. 566 und Wurzbach. 124) Aus den Konkursakten der Häuser Geymüller und Steiner, FA: 4923 und 4316 ex 1841. „ ... die Verlegenheiten des Großhandlungshauses Geymüller sind scheinbar durch die Zahlungseinstellung des Hauses Steiner & Co., mit welchem sich dasselbe in so kurzer Zeit in die engsten Geschäftsverbindungen einließ, unmittelbar veranlaßt worden, waren aber, wie es sich zeigte, schon lange vorbereitet ...“ Als die Lage Geymüllers kritisch geworden war, wurde Geymüller zum Präsidenten der Hofkammer vorgeladen; dabei ist interessant, festzustellen, daß die anderen großen Häuser, wie Rothschild, Sina und Arn­stein & Eslceles von sich aus Erhebungen angestellt hatten und die Ergebnisse dem Staat zur Verfügung stellten. — Der Präsident der Hofkammer faßte in einem Vortrag vom 10. Juli 1841 zusammen: „Ich darf nicht verschweigen, daß Geymüller nicht aufrichtig vorging und zu Täuschungen seine Zuflucht nahm, die bei minderer strenger Aufmerksamkeit zu unverantwortlichen Irrtümern und Mißgriffen verleitet haben würden ...“ und „ ... daß er nur durch den über­spannten Mißbrauch seines Credites bei der Nationalbank sich fortschleppen konnte.“ 125) FA: 1763 ex 1843. 120) FA: 5937 ex 1841; Bericht aus Leipzig: „Die Häuser Geymüller und Steiner haben den solidesten Geldleuten in Brody stets Geldvorschüsse gewährt 24*

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