Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ROEMHELD, Friedrich: Konstantin Reitz. Ein vergessener Vorkämpfer für abendländische Kultur in Afrika

300 Friedrich Roemheld Aufständen gegen die türkische Herrschaft geneigten Statthalter der Provinzen. Er besiegte sie und ließ sie zum großen Teil treulos nieder­metzeln. Dann führte er in der Verwaltung des Landes zahlreiche Neue­rungen nach europäischem Vorbild ein, so daß sein Wirken geradezu als der Beginn einer neuen Zeit in der Geschichte Ägyptens angesehen werden kann. Zu einer Vergrößerung seines Machtbereichs kam er durch die Fort­setzung des Kampfes gegen die Mamelucken, die sich nicht besiegt gegeben, sondern sich nach Nubien18) zurückgezogen hatten, um dort ein neues Reich zu gründen. Mehemed Alis Sohn, Ismael-Pascha, drang bis Schendi, zwischen Khartum und der Mündung des Atbara gelegen, vor und zerstörte diesen wichtigen Marktplatz. Mehemed Ali selbst eroberte Kor- dofan, das weite Land südlich von Khartum, westlich vom Weißen Nil, zog den Blauen Nil aufwärts bis Sennar und darüber hinaus bis Roseires, fast an der Grenze von Abessinien, und machte Khartum zur Hauptstadt der eroberten „Königreiche des Sudans“ 19) (1823). Diese neuen Erwer­bungen bedeuteten für Mehemed Ali einen gewaltigen Machtzuwachs, der durch andere Eroberungen noch vergrößert wurde. So glaubte er denn schließlich, sich gegen die Pforte auflehnen zu dürfen, in der Hoffnung, eine selbständige erbliche Dynastie in Ägypten begründen zu können. Da die Pforte schwere Niederlagen erlitt, schlossen England, Rußland, Österreich und Preußen am 11. Juli 1840 in London ein Bündnis (Qua­drupelallianz) zum Schutze der Türkei, die nach dem Wunsche dieser Mächte in ihrem Besitzstand erhalten bleiben sollte, nachdem Sultan Abd ul Medschid (1839—1861), durch den Erlaß von Gülhane die Forderungen der Großmächte zu befriedigen gewußt hatte. Er befahl darin eine Verbesserung der Rechtspflege, Besteuerung und Gesetzgebung nach europäischem Vorbild, Gleichstellung aller Untertanen, Sicherheit des Le­bens und Eigentums und die Abschaffung der Handelsvorrechte (Monopole) der Regierung. Mehemed Ali wurde zum Frieden gezwungen (1841) und sein Verhältnis zur Pforte in der Weise neu geregelt, daß man ihm und seinen Nachkommen gegen Entrichtung einer Abgabe an den Sultan das erbliche Vizekönigtum in Ägypten und in den Eroberungen am oberen Nil zusicherte. Sämtliche von der Pforte mit den Großmächten geschlossenen Verträge sollten auch für Ägypten gültig sein. Mehemed Ali starb am 2. August 1849. Sein Nachfolger war sein Enkel Abbas-Pascha, der älteste männliche Sproß des Hauses. Er wußte der berühmten Schlacht bei den Pyramiden. Nach dem Abzug der Franzosen gewannen sie bald wieder ihre alte Stellung. >8) Das Land beiderseits des Nils südlich von Assuan, flußaufwärts etwa bis Khartum. i») Der ägyptische Sudan schließt sich südlich an Nubien an und reicht bis etwa zum Äquator. Er umfaßt die Provinz Sennar, das vom Weißen und Blauen Nil eingeschlossene Land südlich von Khartum, ferner Kordofan, west­lich vom Weißen Nil, und, westlich daran anschließend, Dar Für, das Durch­gangsland für den Handel zwischen Zentralafrika und Ägypten.

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