Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ROEMHELD, Friedrich: Konstantin Reitz. Ein vergessener Vorkämpfer für abendländische Kultur in Afrika

Konstantin Reitz 295 um weiterzukommen. Endlich entschloß er sich auf Anraten seines Vaters, der inzwischen eingesehen haben mochte, daß sein Sohn das Zeug zu einem braven hessischen Beamten nun einmal nicht hatte, wenigstens die Doktor­würde zu erwerben und so seine akademische Lehrzeit doch noch zu einem gewissen Abschluß zu bringen. Im November 1841 siedelte er nach dem kleinen oberhessischen Städtchen Grünberg über, um sich dort namentlich durch die Beschäftigung mit den humanistischen Wissenschaften, die er seit seiner Schulzeit wohl etwas vernachlässigt hatte, auf die Prüfung vor­zubereiten. Warum er gerade Grünberg als Aufenthaltsort wählte, läßt sich nicht mehr ermitteln. Vermutlich wird er dort bei einem Freunde oder Verwandten gewohnt haben, von dem er sich eine Förderung seiner Studien versprach. Im April 1842 kehrte er nach Dieburg zurück, und am 16. August legte er in Gießen die Doktorprüfung ab. Er hatte keine Disser­tation dafür eingereicht, das war damals noch nicht unbedingt erforderlich. Und nun stand er wieder vor der Frage, wie sich sein künftiges Leben ge­stalten sollte. Irgend ein bestimmtes Ziel, das ihn hätte locken können, scheint sich ihm um jene Zeit noch nicht gezeigt zu haben. Die Laufbahn eines Forstbeamten in hessischen Diensten, wie sie seine Väter durchge­macht hatten, war ihm ja verschlossen, weil er keine Staatsprüfung abgelegt hatte — sie mochte übrigens inzwischen auch sehr viel an Reiz für ihn eingebüßt haben, nachdem er die ganze Engherzigkeit, Unfreiheit und Kleinlichkeit des Beamtentums seiner Zeit so gründlich kennengelernt hatte. So nahm er denn zunächst im Oktober 1842 eine Stellung als Reallehrer am Lautenschlägerschen Institut in Darmstadt an, eine gewiß von vornherein nur als vorläufig gedachte Verlegenheitslösung, die ihm vielleicht dadurch etwas annehmbarer gemacht wurde, daß ja auch Niebergall damals in Darmstadt lebte. Sicher hat Reitz auch jetzt wieder an den schriftstelleri­schen Arbeiten des Freundes regen Anteil genommen. Dieser hatte inzwi­schen die andere mundartliche Posse, den „Datterich“, vollendet, die in erster Linie seinen Ruhm begründet und ihm einen Platz in den vordersten Reihen der deutschen Mundartdichter angewiesen hat. Die Vermutung, daß er in diesem Werk Züge seines Freundes Reitz verwertet habe, liegt nahe, nur darf man in dem verbummelten Genie der Posse nicht in allen Einzel­heiten Konstantins Ebenbild erblicken. Das Zusammensein der Freunde in Darmstadt währte jedoch nur ganz kurz, denn Niebergall starb schon am 19. April 1843. Konstantin aber konnte — das war vorauszusehen — ohnehin nicht lange in Darmstadt blei­ben. Immer enger kam ihm das kleine Hessenland vor. Sein reger Sinn, seine Freude an ungebundener Lebensweise trieb ihn hinaus über die Grenz­pfähle der Heimat, und so begab er sich im April 1844 auf eine Reise nach der Schweiz, um in Bern einen Verwandten zu besuchen, dessen Persönlich­keit wohl schon seit längerer Zeit seine besondere Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben mochte.

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