Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ROEMHELD, Friedrich: Konstantin Reitz. Ein vergessener Vorkämpfer für abendländische Kultur in Afrika

296 Friedrich Roemheld Erster Ausflug in die Welt. — Als österreichischer Konsulatsbeamter in Ägypten. — Letzter Besuch in der Heimat. Es war der Anatomieprofessor Wilhelm Vogt, der seit 1835 an der Berner Universität wirkte, nachdem er vorher in Gießen tätig gewesen war. Hier wird Konstantin Reitz bei ihm ein- und ausgegangen sein, denn Vogt wird als sein Onkel bezeichnetI0), und der junge Student mußte sich angezogen fühlen von dem in jeder Beziehung freisinnigen Geiste, der Vogt von vielen seiner Gießener Amtsgenossen vorteilhaft unterschied. Vor allem hatte er — selbst Vater einer stattlichen Schar von Söhnen und Töchtern — Verständnis für die Jugend, für ihr Bedürfnis sich auszutoben und für ihre harmlosen Streiche. In seinem Hause verkehrten viele Stu­denten, in Hof und Garten übten sie, sicher vor der Verfolgung des Uni­versitätsrichters, die Handhabung des Schlägers und des Säbels. Bezeich­nend für Vogts politische Einstellung ist die Tatsache, daß er Mitwisser des Frankfurter Attentats von 1833 war11). Sein Sohn Karl12) war als Student in politische Umtriebe verwickelt worden, hatte Gießen und das Hessenland verlassen müssen und nach der Übersiedlung seiner Eltern nach Bern seine medizinischen Studien an der dortigen Universität fortgesetzt. Von 1839 an war er Assistent bei Ludwig Johann Rudolf Agassiz13), damals Professor der Naturwissenschaften in Neuenburg (Neuchätel), den er bei seinen aufsehenerregenden Gletscherforschungen auf dem Unteraar­gletscher begleitete. Hier war nun Konstantin Reitz in eine Umgebung gekommen, die ihm Zusagen mußte. Hier lebte er unter Menschen, die den Dingen mit innerer Freiheit gegenüberstanden und den richtigen Maßstab für sie hatten und die sich zugleich, wie er selbst, namentlich für Fragen der Natur­wissenschaft und der Erdkunde aufgeschlossen zeigten. Er wohnte in einem Hause, dessen Türen der Welt weit geöffnet waren und dessen 10) Bei August Römheld, a. a. O., S. 60. Karl Vogt nennt Reitz, a. a. O., seinen Vetter. Genaueres über diese Beziehungen war nicht zu ermitteln. u) Eine Anzahl Unzufriedener, die eine neue Ordnung in Deutschland ein­führen wollten, hatte eine revolutionäre Bewegung in Frankfurt a. M. ins Leben gerufen und am 3. April 1833 die Hauptwache und die Konstablerwache er­stürmt, hatte aber mit ihrer Aufforderung, sich dem Aufstand anzuschließen, beim Militär und der Volksmenge nicht den erhofften Erfolg gehabt. In einem blutigen Gefecht mit dem Militär mußten sich die Aufrührer zurückziehen. !2) Karl Vogt, geb. in Gießen am 5. Juli 1817, gest. in Genf am 5. Mai 1895 als Professor der Zoologie. 1848 demokratischer Abgeordneter für Gießen in der Nationalversammlung zu Frankfurt, 1849 Mitglied der Reichsregentschaft in Stuttgart, 1878 Schweizerischer Nationalrat. Bekannter Naturforscher und Schriftsteller (der „Affen-Vogt“)• Vgl. Mittlgn. der Hessischen Familien­geschichtlichen Vereinigung, Bd. 8, S. 51 (1948) und ADB, Bd. 54, S. 181 ff. 13) Ludwig Johann Rudolf Agassiz, Professor der Naturwissenschaften in Neuenburg (1832—46), dann in New Cambridge. Außer seinen bahnbrechen­den Gletscheruntersuchungen, die zur Annahme einer Eiszeit führten, hat er namentlich zahlreiche Arbeiten über Fische geschrieben.

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