Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ROEMHELD, Friedrich: Konstantin Reitz. Ein vergessener Vorkämpfer für abendländische Kultur in Afrika
294 Friedrich Roemheld weise über besuchte Vorlesungen an der Landesuniversität erbringen konnte. So schien keine Aussicht für Reitz vorhanden, jemals durch eine akademische Prüfung den Grundstein für eine ehrbare bürgerliche Zukunft legen zu können, wenn er sich nicht entschloß, nach Ablauf seiner Sperrzeit wieder nach Gießen zurückzukehren und dort noch einige Zeit Vorlesungen zu belegen. Dazu aber hatte er sehr wenig Lust. Was er in Gießen erlebt hatte, war nicht dazu angetan, ihn zu fernerem Besuch der Hochschule zu reizen. Er war seiner ganzen Veranlagung nach nicht dazu geschaffen, sich auf die Dauer von Kleinigkeitskrämern leiten zu lassen. Ahnungsvoll mochte er sich sagen, daß eine Rückkehr nach Gießen nur zu neuen Reibereien und Zusammenstößen führen und ihm neue Plackereien eintragen müsse. Und dennoch — er überwand den Widerwillen gegen seine bezopften Peiniger und lenkte seine Schritte nach der Musenstadt an der Lahn zurück. Vernunft und Einsicht mögen schließlich stärker gewesen sein als die Abneigung, vor allem aber hatte sein Vater keinen Zweifel darüber gelassen, daß er auf der Ablegung der Staatsprüfung bestehe. Und nun geschah, was vorauszusehen war. Am 25. März 1840 wurde er zum zweitenmal auf ein Jahr von der Hochschule verwiesen, weil er einen rohen Lümmel verprügelt und außerdem seine sittliche Verworfenheit dadurch klar vor aller Augen an den Tag gelegt hatte, daß er — ohne Kopfbedeckung durch die Straßen gegangen9) war! Das war ein harter Schlag für den leidenschaftlichen jungen Mann. Ärger, Scham und Wut wühlten so furchtbar in seinem Herzen, daß er sich zwei Monate lang nicht getraute, den Eltern wieder unter die Augen zu treten, bis er auf ausdrücklichen Befehl seines Vaters im Sommer 1840 in die Heimat zurückkehrte. Es mögen trübe Wochen und Monate gewesen sein, die er nun in Dieburg durchlebte. Schwerer noch als bei seinem vorigen unfreiwilligen Aufenthalt im Elternhause wird ihm der Gedanke an die Zukunft auf der Seele gelegen haben, und sicher hat er es auch schmerzlich empfunden, daß er seinen Freund Niebergall nicht mehr vorfand, der, nachdem er 1839 in Gießen seine theologische Prüfung abgelegt hatte, seit Januar 1840 eine Lehrerstelle am Knabeninstitut des trefflichen Jugendbildners Heinrich Schmitz in Darmstadt bekleidete. Langeweile aber wird Konstantin kaum gehabt haben. Er half seinem Vater bei seinen Dienstgeschäften, und sicher hat er, lerneifrig und strebsam wie er war, seine Studien auf eigene Faust fortgesetzt und sich bemüht, auch sein allgemeines Wissen zu erweitern. Bei aller Betätigung wird er aber Muße genug gehabt haben, seine Zukunft zu bedenken und zu überlegen, welchen Weg er nun einschlagen sollte, 9) So wenigstens stellt Reitz die Sache in seiner Selbstbiographie (Anm. 4) dar: „... Iterum ex edicto publico urbe decedere coactus sum, quod agresti cuidam vim attulissem, quodque capite inoperto per urbis vicos ingressus essem“. Im amtlichen Strafregister steht nur: „... Wegen in trunkenem Zustand begangener Exzesse mit der inf. Relegation auf ein Jahr.“