Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden

Eugen Beauharnais’ Königreich Italien beim Übergang zur österr. Herrschaft 287 Das kleine, kränklich aussehende Männchen, das vor mir stand, ver­leitete mich dazu, in der Schilderung des eben in Mailand Erlebten etwas greller zu werden, als es die schwachen Nerven des Prinzen ertragen konnten. Er packte mich plötzlich krampfhaft am Arm und bat um einen Rat, wie er sich ähnlicher Katastrophen entziehen könne und welche Rich­tung er einschlagen müsse, um mit heiler Haut und einigem gesammelten Geld davonzukommen. Da die Besetzung Lyons durch die Österreicher eben bekannt geworden war, bekam er einen Abscheu vor Frankreich; in Genua waren die Engländer gelandet, welchen er noch weniger traute, in Mai­land war alles in vollster Gährung und so ergriff er mit freudiger Rüh­rung die angebotenen Pässe und den einzigen noch übrigen Ausweg, den ich ihm in Richtung auf Florenz zeigte. Nach einigen Tagen war bei ihm gepackt und er benutzte eine dunkle Nacht, um aus einem Land zu ver­schwinden, in dem er, weder geachtet noch gefürchtet auch bei Tage hätte ungefährdet reisen können 81a). Bald erreichte ich wieder Turin, wo eben König Emmanuel, der 16 Jahre in Cagliari verschlafen hatte, wieder eingetroffen war, und sich bemühte bald alles wieder auf denselben Fuß zu setzen, wie es vor seinem Exil in Sardinien der Brauch war81 82). Er war wohl derselbe geblieben, nur die Menschen, die ihn jetzt um­gaben, waren andere geworden, und dies schien er nicht begreifen zu kön­nen. Die Piemontesen hatten an allen glorreichen Taten der französischen Armeen Anteil genommen, und es war ein Rest edlen Soldatenblutes im Lande zurückgeblieben. Aber der König begünstigte nur jene vor einem Vierteljahrhundert Verlassenen, und nur wer gepudert und mit einem Zopf versehen vor ihm erschien. Er selbst trug noch dieselbe Uniform von damals. Der General Séras, als geborener Piemontese, hatte sich seiner Majestät vorgestellt, um seine Dienste seinem Vaterland anzubieten83). Der König fragte sehr gnädig, was er vor 15 Jahren für eine Charge be­kleidet habe und der französische General sagte: „Corpora! in der Garde“, 81 a) Es folgt nun im Original eine sehr weitschweifige Schilderung des auch botanisch und alpinistisch interessierten Weiden über den Übergang der fran­zösischen Armee unter Grenier über die Alpen nach Nizza. Weiden nahm als österreichischer Verbindungsoffizier daran teil. Auch wurde er von Grenier als eine Art Geisel benutzt und konnte erst zurückkehren, als die letzten fran­zösischen Soldaten in Nizza eingetroffen waren. 82 König Viktor Emanuel I. (1759—1824) regierte von 1795—1821. Seine restaurativen Allüren wurden 1814/15 allgemein belacht. Daß er 16 Jahre in Cagliari auf Sardinien verschlafen habe, war damals ein geflügeltes Wort. Vgl. A. Filipuzzi, Die Restauration in Italien im Lichte der neueren Historiographie, in: MIÖG 66. Band, 1958, S. 83. 1821—1823 war Weiden wieder in Piemont bei der Niederwerfung des Aufstandes, der am 13. 3. 1821 Viktor Emanuel I. den Thron kostete. Über ihn vgl. A. Segre, Vittorio Emanuele I, Turin 1928. 83) General Séras focht jahrelang unter Eugen Beauhamais. Wegen seiner Tapferkeit in der Schlacht von Wagram wurde er vorzeitig General.

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