Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden

Eugen Beauharnais’ Königreich Italien beim Übergang zur österr. Herrschaft 279 kam wohl dem meinigen gleich, als ich seine Truppencolonnen bei Volta erblickte, die Gewehre schußbereit am Arme und doch ohne einen Schuß abzugeben. Sie blickten mich ebenso verwundert an, wie ich sie, und doch waren es gerade diese Truppen, und nicht der tapfere Widerstand Ihrer braven Grenadiere bei Mattimbona, welche mich in meinem Vordringen aufhielten! „Ich weiß nicht was die Geschichtschreiber späterer Tage zu unserem Feldzug in Italien sagen werden — er wird aber trotz der großen Ereig­nisse, die ferne von uns, über unser Schicksal entscheiden, seine kleine Rolle spielen. Es war mir Bedürfnis, fügte der Prinz bei, mich, solange die Begebenheiten noch in frischem Andenken sind — mit einem Gegner zu verständigen, der den Operationen beider Theile vom Anfang an, mit großer Aufmerksamkeit folgen konnte.“ So war es Abend und Essenszeit geworden: der Vice König trat in den hell erleuchteten Speisesaal, wo er mir seine französischen und italieni­schen Generale, 16 an der Zahl, nannte. Es waren teilweise bekannte Na­men: der Kriegsminister Fontanelli, der General Dantzonard, Chef der Artillerie, die Generale Freyeinet, Royer Quesnel, Marcoquet, Jeannin, Peyremont, Bonnemain, Rambourg — vor allem ragte die etwas bäuerliche Gestalt des General’s Grenier hervor, dessen kahler Kopf noch mit einem langen Zopf versehen war und dadurch einen chinesischen Anstrich er­hielt 53 * 5S). So still die erste Zeit der Tafel vorüberging, so lärmend wurde es bald, denn die eben abgeschlossene Campagne war in zu frischem Andenken; es entspannen sich militärische Discussionen nach allen Richtungen, denen ich indessen nur insofern angehörte als ich aufgefordert wurde, meine Meinung zu sagen. Auch dies geschah aber erst, wenn ich durch einen fragenden Blick auf den mir gegenüber sitzenden Prinzen die Erlaubniß dazu eingeholt hatte. An diplomatische, ausweichende Antworten war hier nicht zu denken, ohne sich lächerlich zu machen, und ich suchte nur, so gut es eben ging, mein Schlachtfeld zu behaupten. Der Vice König meinte, wir seien besser unterrichtet gewesen über den gegenüberstehenden Feind; worauf ich erwiderte, dies sei uns deshalb leichter geworden, weil aus dem Heere mehrere deutsche Überläufer uns zuweilen orientiert hätten, dann könne der französische Gefangene selbst bessere Auskünfte geben als ein ungarischer oder böhmischer Rekrut, bei dem schon die Sprache ein Hinder­niß sei. Ferner gewährte uns die gewiß sehr löbliche Gewohnheit die fran­zösische Ordre de bataille nicht so oft zu wechseln wie die unsere, einen festen Anhaltspunkt zur Beurteilung der Aussagen, welchen die Franzosen entbehrten. Es kamen hier manche sehr drollige Anekdoten über die Aus­sagen unserer Gefangenen zutage, welche gewöhnlich auf die Frage wer 53) Fontanelli, Achille, Conte, Kriegsminister des Königreichs Italien, früher Adjudant Beauharnais. Seine Abwesenheit aus Mailand hat dort die Revolution begünstigt und General Pino die Möglichkeit gegeben, Einfluß zu gewinnen.

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