Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden
280 Karl Otmar Freiherr von Aretin ihr Commandant sei, nur den Namen ihres Hauptmannes zu sagen wußten. Dieser Name, der oft croatisch, ungarisch oder böhmisch schlecht ausgesprochen und ganz strupirt ward, wurde es noch mehr durch das Niederschreiben mit einer französischen Feder. Der Vice König sagte, ihm seien zwei Generale gegenüber gestanden, deren Namen bis heute keine französische Kehle herausgebracht habe! Es waren die Generale Radivojévich und Stanissawljevich 54). Nach dem Essen nahm mich der Prinz beiseite, und entwarf mir eine kurze aber bestimmte Charakteristik aller jener italienischen Generale, die nun von uns übernommen werden sollten55). Die Folge hat mir bewiesen, wie richtig diese Charakterschilderung war — denn der General Zucchi war schon damals als „Traitre“ bezeichnet55a). Als die Perle von Allen nannte er mir den General Palombini; einem der Herren gab er das epithet ,,Birichino“, einen Ausdruck, den ich in keinem Dictionnaire fand, und mir später als „Gamin“ erklärte — einen anderen nannte er „Pulcinella“. Hier machte ich auch die Bekanntschaft des französischen Generalstabschefs — Divisionsgeneral Vignolles. „C’est Berthier en miniature“ sagt mir der Prinz, und er war auch wirklich sehr klein. Es sollten des anderen Tages unsere Conferenzen über den Abmarsch der französischen Armee nach Frankreich beginnen. Alessandria war als erster Sammelpunkt bezeichnet, und ein Zeitraum von 21 Tagen bestimmt, um die verschiedenen Garnisonen von Palmanova, Legnago und Venedig abzuwarten. Drei Kolonnenwege sollten eingeschlagen werden: für das sehr bedeutende Material, die Cavallerie und einen Theil der Infanterie von Turin über den Mont Cenis nach Lyon. Man wußte damals nicht, daß dieser Punkt bereits von unserer Südarmee besetzt war. Die zweite Colonne sollte über Pignerol und den Mont Genévre nach Briangon, die dritte von Cimeo über den Col di Tenda nach Nizza gehen. Bei den Bedenklichkeiten, die ich über die schwierige Gangbarkeit der beiden letztgenannten Straßen in dieser Jahreszeit vorbrachte, ward beschlossen, gemeinsam Offiziere 54) Über Radivojévich vgl. Anm. 50. Stanisslawjevich, Aron (1753—1833). 55) Dieses Vor stellen der italienischen Generale ist umso erstaunlicher, als die Convention vom 16. April 1814 im Art. 6 bestimmte: Les troupes italiennes commandées par le prince vice-roi continueront ä tenir la partié du royaume d’Italie non occupée par les troupes alliées, et les places fortes qui s’y trouvent. Du Casse, a. a. O., S. 165. Es kann sich bei Weiden nicht um eine Datumsverwechslung handeln, weil er zu der Zeit, da die zweite Convention unterschrieben wurde, am 22. 4. 1814 gar nicht mehr in Mantua war. Im übrigen wurden im Art. 5 dieser Convention die italienischen Truppen nur vorläufig und bis zur Entscheidung über Italien durch die Alliierten den Österreichern unterstellt. Diese Episode ist ein interessanter Beleg, wiesehr Beauharnais schon vor der Mailänder Revolution seine Hoffnungen, König von Italien zu werden, aufgegeben hatte. 55a) Zucchi, Carlo Baron, italienischer Divisionsgeneral, stand eine zeitlang in dem Verdacht, sich Herbst 1814 an Verschwörungen gegen Österreich beteiligt zu haben, wurde aber später in die k. k. Armee übernommen und Feldmarschallleutnant.