Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden
268 Karl Otmar Freiherr von Aretin in Paris versuchte, Kaiser Franz zur Errichtung einer Sekundogenitur mit der Hauptstadt Mailand zu bewegen30). Auch diese Mission scheiterte. In den 8 Tagen, die zwischen der Revolution und dem Einzug österreichischer Truppen in Mailand unter Neipperg vergingen, kristallisierten sich um Pino die Hoffnungen des nationalen Italien. Am 24. April suchten ihn die Generale Lecchi, Palombini und Paolucci, von Mantua kommend, in Mailand auf und boten ihm, auf die italienische Armee gestützt, die Errichtung eines nationalen italienischen Königreichs an. Hierbei wurden auch die französischen Truppen unter Grenier noch in die Berechnungen einbezogen, die in wenigen Tagen wieder heranmarschieren konnten. Pino lehnte dies ebenso ab, wie die schwärmerischen Versuche der Mailänder Literaten, die Revolution in Zusammenarbeit mit Murat zur Erhebung Italiens auszubauen, wozu freilich jede Voraussetzung fehlte. Trotzdem nahm Pino mit Murat Verbindung auf, dem er Mitte Mai 1814 die Krone Italiens mit der Versicherung anbieten ließ, „die italienische Armee werde mit ihm marschieren" 31). Murat lehnte ab und entzog damit den Verschwörungen innerhalb der italienischen Armee alle Grundlagen. Noch mehrmals wurde Pino der Oberbefehl über die Armee von den Verschwörern angeboten, ohne daß er sich zu diesem Abenteuer entschließen konnte. Ende November hielt es daher Bellegarde für geraten, die italienischen Truppen nach Österreich zu verlegen. Einige Verhaftungen in Mailand zerschlugen vollends das Netz der Verschwörer. Der Abzug der italienischen Truppen nach Österreich verlief ohne größere Zwischenfälle. Damit war die nationale Rolle der Armee Eugen Beauharnais’ ausgespielt. Die Revolution in Mailand raubte Beauharnais alle Illusionen über die Anhänglichkeit der Italiener. Seine Proklamation vom 26. April, mit der er sich von seinen Untertanen verabschiedete, ist voller Bitterkeit32). Sein Schwager Kronprinz Ludwig von Bayern meinte allerdings zutreffend 33): „Ich gestehe, für meine Person nie daran geglaubt zu haben, daß die italienische Nation ihn wirklich als König haben will.“ Dazu war Beauharnais, wie die Vorgänge 1814 beweisen, auch nicht die richtige Persönlichkeit. Er war auch in Italien nie etwas anderes als ein Vollstrecker napoleoni- scher Befehle. Weldens Darstellung ist eine interessante Beleuchtung der wenig erforschten Vorgänge im Hauptquartier Eugen Beauharnais’ nach seiner Kapitulation in Mantua und der Vorgänge in Mailand. Aus der Schilderung geht einmal einwandfrei hervor, daß die Revolution in Mailand ohne österreichisches Zutun ausbrach. Zum anderen läßt sie erkennen, daß Beauharnais wenig unternahm, um die Revolution niederzuwerfen. Er hat jedenfalls keine Truppen entsandt, wie er am 22. April seinem Schwiegervater gegen30) Vgl. Helfert, a. a. O., S. 472. 31) Vgl. M. H. Weill, Joachim Murat, Bd. 1, Paris 1909, S. 61, Anm. 1. 32) Die Proklamation ist veröffentlicht bei Du Casse, a. a. O., S. 177—80. *3) Vgl. A. v. Bayern, Max I. Joseph v. Bayern, 1957, S. 678.