Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

MISKOLCZY, Julius: Metternich und die ungarischen Stände

Metternich und die ungarischen Stände *). Von Julius Miskolczy (Wien). Um vorwegzunehmen: wenn wir das Verhältnis zwischen Metternich und den Donauvölkern untersuchen, sind es gewisse Tatsachen, die uns in die Augen springen. M. E. wäre es verfehlt, aus den Reden und Schrif­ten des Statskanzlers ein festgefügtes System herauszulesen. Er war viel zu verständig, um Jahrzehnte hindurch denselben Gedankengang zu hegen. Auch er hat seine Entwicklung durchgemacht. Und von diesem Standpunkt aus seien zwei feststehende Tatsachen erwähnt: er war kein Österreicher von Geburt, sondern ein Rheinländer, aus einer Gegend, wo in seiner Jugend die kleinen Herrschaften mit souveränen Rechten ausgestattet waren, und er war sein Leben lang konservativ. Die erste, von der Natur gegebene Tatsache war wohl genau so wichtig für die Zukunft dieses Mannes, als dessen konservative Welt- und Lebensanschauung. Dem Um­stand, daß er kein Österreicher war, soll zugeschrieben werden, daß er für die Staatsbildung josephinischer Prägung keinen Sinn hatte. [Mit Gewiß­heit kann angenommen werden, daß auch seine Weltanschauung damit in Zusammenhang stand.] Am Anfang des 19. Jahrhunderts in der Führung der Staats­geschäfte als Nichtösterreicher beschäftigt zu sein, bedeutete für Metter­nich, daß er niemals die Einheit der Monarchie anstrebte, daß er an der Stelle der Einheit Einigkeit wünschte, und den Ausgleich der verschie­denen lokalen Interessen in der Person dessen suchte, der mit seinen Herr­scherrechten den ganzen Komplex zusammenhielt. Wir finden in der lang dauernden und einflußreichen Tätigkeit Metternichs kein einziges Zeugnis dafür, daß er nationale und ethnische Eigenheiten angegriffen hätte. Genau so verhielt er sich den einzelnen in der Monarchie gangbaren Spra­chen gegenüber. Mit einem Wort, er vertrat in keiner Richtung eine ziel­strebige gesamtstaatliche und germanisierende Politik, wie die Mehrzahl seiner Kollegen an den ministeriellen Plätzen. Auch seine konservative Weltanschauung war für ihn richtunggebend: nicht wegen seines kaiserlichen Herrn oder wegen seiner Stellung, die er bekleidete, war er konservativ, sondern der Konservatismus war ein Haupt­zug seines Weltbildes. So bestand auch zwischen seiner und der ungari­schen ständischen Auffassung kaum ein Unterschied. *) Diese Arbeit ist auf Grund eines Metternich-Vortrages entstanden, den der Verfasser anläßlich des 100. Todestages des Staatskanzlers gehalten hat.

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