Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

MISKOLCZY, Julius: Metternich und die ungarischen Stände

Metternich und die ungarischen Stände 241 Beinahe gleichzeitig gab Franz I. Metternich und dem Grafen Wallis den Auftrag, die ungarische Verfassung zu sichten und sie mit Beibehaltung der alten Namen möglichst der der anderen Habsburgischen Länder anzu­gleichen. Es kam nie dazu. Wallis starb, und Metternich dürfte seinem kaiser­lichen Herrn gemeldet haben, daß die Reform einer alten historischen Ver­fassung eine viel zu große Arbeit sei. Im Hintergrund stand die Auffassung Metternichs von den historischen Verfassungen, wie die ungarische eine war. Er weigerte sich, zur Abtragung einer historischen Verfassung aus prinzipiellen Gründen die Hand zu bieten. Eine ähnliche Begegnung zwi­schen seiner Gedankenwelt und den ständischen Rechten ereignete sich im Zusammenhang mit dem Reichstag von 1825. Er, der als Absolutist ver­schrien war, lieh seine Unterstützung dem Minister Grafen Karl Zichy, als dieser für die Abhaltung eines Reichstages kämpfte. Der Staatskanzler konnte sich später dessen nicht erinnern, er glaubte, gegen dieses Kom­promiß zwischen Herrscher und Ständen gewesen zu sein. Die Tatsachen, insoweit sie sich aus den Akten feststellen lassen, sprechen dafür, daß Metternich auf Seite der ungarischen Verfassung stand. Gewiß war er wohl für die Beibehaltung von Verordnungen, die mit der Stabilisierung der Valuta, und so mit dem finanziellen System der ganzen Monarchie in Zusammenhang standen, gewiß war er gegen einige Auswüchse des stän­dischen Selbstbewußtseins, wie gegen den Eid auf die Verfassung, und gab seinem kaiserlichen Herrn eine prinzipielle Erklärung darüber, warum man einen solchen Eid nicht dulden dürfe. Aber im großen und ganzen war er doch für die Versöhnung zwischen Thron und Ständetum. Wir wis­sen, daß das Revolutionsgeschehen für ihn 1815 kein Ende nahm, und er wollte für diesen Kampf Verbündete haben; die ungarischen Stände. Des­wegen hätte er dem Thron nie den Ratschlag gegeben, gegen die alte histo­rische Verfassung zu verstoßen. Wir können sagen, daß es zwischen seiner Auffassung und der Auffassung derjenigen, die die alte Verfassung auf ungarischem Boden hochhielten, kaum einen Unterschied gab. Als während des Reichstages von 1825 Karl Zichy starb, und Metter­nich den Auftrag bekam, als rangältester Minister den Vorsitz in der Konferenz zu führen, war sein Einfluß auf die Innenpolitik fest begründet. Damit sei nicht gesagt, daß seine Kenntnisse über die Zustände der Monarchie, und ganz besonders über diejenigen Ungarns, ausreichten; jedenfalls genügten sie zur Einflußnahme auf den Herrscher. Seine Politik ist klar: Der Fürst sieht Verschwörer, wo es keine gibt; man kann auch gegen diese Gefahr ankämpfen, wenn nur die Regierung fest auf ihrem Weg weiterschreitet. Nicht nur er glaubt an die Richtigkeit einer solchen Politik, sondern auch der Kaiser läßt sich überzeugen, daß er mit Dema­gogen und Revolutionären im Kampfe stehe. Zu dieser Zeit ist Metternich schon der Vermittler zwischen dem unga­rischen Reichstag, beziehungsweise zwischen einzelnen altkonservativen ungarischen Politikern und der Regierung. Er korrespondiert mit dem Vor­Mitteilungen, Band 12 16

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