Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
HRAZKY, Josef: Die Persönlichkeit der Infantin Isabella von Parma
Die Persönlichkeit der Infantin Isabella von Parma 185 wird man verblüfft gestehen müssen, daß sie es in wissenschaftlicher Systematik und Gründlichkeit mit manchem Universitätsprofessor ihrer Zeit aufnehmen konnte. Leider ist von ihren „Reflections sur l’Education“ nur der zweite Band auf uns gekommen, der allein 84 Blatt, also 168, allerdings halbbrüchig beschriebene, Seiten stark ist. Er bildet das Mittelstück des ganzen Werkes, das auf drei Bände berechnet war. Wir begnügen uns hier mit der Anführung charakteristischer Gesichtspunkte. Die Erziehungsmaßnahmen haben zur einzigen Voraussetzung die in der menschlichen Natur begründete Eigenliebe des Kindes, das mächtigste aller menschlichen Handlungsmotive. Aus ihr folgt die allseitige Anpassung des Kindes an seine mit ihm eng verbundene Umwelt. Daraus wieder geht das Betragen der Eltern als der stärkste Erziehungsfaktor hervor. Hatte Joseph stets den Grundsatz der Aufklärung vertreten: „l’éducation fait tout“, so betonte Isabella: ,,1’exemple fait tout“. Damit ist die Erziehung, weil einer beständigen Selbstkontrolle bedürftig, im wesentlichen als Selbsterziehung der Eltern gesehen. „Man kann nie genug überzeugt sein, wie stark das Verhalten der Eltern auf die Kinder wirkt“. Nachahmungstrieb und Wetteifer des Kindes machen es seiner Umwelt gleich. Alte Taten aber wirken nicht durch Berichte, die Kinder müssen die Beispiele täglich vor Augen haben. So groß die Macht des guten Beispiels, so gefährlich das böse. Ein Kind, das stets der Anziehungskraft unmoralischer Vergnügen ausgesetzt ist, muß das wahre Vergnügen im Verbrechen sehen. Laster bedürfen keiner Bestätigung zu ihrer Herrschaft, wenn eines als Vorbild wirkt, werden sie unwiderstehlich. Man verzeiht sie sich selbst, aber nicht andern. Das schlechte Beispiel des Vaters vernichtet seine Autorität, die Kinder machen sich über ihn lustig, auch wenn er manchmal recht hat. Er verliert das Vertrauen, oft die Liebe und immer den Respekt der Kinder. Umgekehrt gewinnt er durch gutes Beispiel Vertrauen und Respekt, seine Worte werden zum Orakel. Nur so kann Harmonie in einer Familie bestehen. Die Eltern müssen selbst so sein, wie sie die Kinder haben wollen. Das einzig Sichere und Untrügliche auf Erden ist die Religion. Der Stolz, ein Christ zu sein, ist nur dem gegeben, der von der Größe ihrer Mysterien durchdrungen ist. Und nur dieser bringt die Charakterstärke auf, sich vor schlechten Scherzen nicht zu verkriechen. Wo die Frömmigkeit verbannt ist, fällt auch die Nächstenliebe schwer. Die Eltern müssen mit gutem Beispiel vorangehen, um die Kinder zur Ehrfurcht vor der Religion zu bringen. Nur dann werden sie gute Bürger, mitleidig und barmherzig, arbeiten am Gemeinwohl, raten andern gütig, wenn mans von ihnen verlangt, und spotten über niemand. Von der Autorität heißt es, sie sei weder unentbehrlich noch ohne Nutzen, bewirke aber für sich allein nichts Gutes. Hätte ein Kind, was man ihm befiehlt, auch aus freien Stücken und eigenem guten Willen getan,