Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
HRAZKY, Josef: Die Persönlichkeit der Infantin Isabella von Parma
184 Josef Hrazky Leben am Hof, das durch die Unzahl der Mittelspersonen eine beständige Entfremdung der Familienmitglieder von einander zu bewirken drohte, war solcher Rat keineswegs überflüssig. Dabei war Isabella sich ihrer Macht über die Jüngere, Weichere bewußt und konnte auf gewissenhafte buchstäbliche Befolgung rechnen. Wie ein Schutzgeist, aus der anderen Welt gesandt und bald wieder zurückberufen, herrschte sie bedingungslos über die ihr Anvertraute, die nur zum kleinen Teil die dämonische Klugheit der ihr erteilten Lehren durchschaut haben wird. Können doch kaum wir begreifen, wie ein so junges Geschöpf in beschränktem Umgang zu einer so genialen Menschendurchschauerin heranreifen konnte. Es lebt etwas vom Geist der Renaissance, eines Machiavelli, eines Boccaccio in dieser Ururenkelin eines Stadthauptmannes Farnese, nur daß dieser Geist nicht mehr schrankenlosem Machtzuwachs, sondern der Liebe zu einem einzigen Menschenkind dienstbar wird. Doch müssen wir uns diesen Esprit in seiner faszinierenden Fremdartigkeit an dem hausbackenen Hof Maria Theresias vorstellen, auf diesem gesitteten und munter gackernden Hühnerhof der Erscheinung eines Paradiesreihers zu vergleichen, um den Eindruck auf ihren Gatten Joseph, ihre Schwiegermutter Maria Theresia und ihren Schwiegervater Franz Stephan von Lothringen zu ermessen. Zeit seines Lebens blieb Joseph ein unglücklicher Liebhaber des Geistes und hätte viel darum gegeben, wären ihm schlagfertig treffende Bonmots nach Bedarf zu Gebote gestanden. Sie gelangen ihm nur selten und nun war es für ihn eine Beruhigung, jemand an seiner Seite zu wissen, der diese Fertigkeit in hohem Maße besaß und doch an sich und andern solche Gaben nicht überschätzte. Der militärischen Rauheit, in der er sich gefiel, entsprach die Kinderstubenderbheit, deren die Prinzessin in verblüffendem Grade fähig war. Die geistige Beweglichkeit der Esprits forts imponierte auch Maria Theresia wenig, sie sah in Ironie und Spott etwas Undeutsches, wovor sie ihre Kinder nicht genug warnen konnte. Isabella als einer Französin hätte sie dergleichen hingehen lassen, aber nichts daran zu bewundern gefunden. Nun war Isabella sorgfältigst auf der Hut, vor der Kaiserin mit ihrem Witz zu glänzen, so sehr ihr manchmal ein Wort auf der Zunge brennen mochte, vor ihrem Gatten dagegen ließ sie Feuerwerke steigen und ihrem Schwiegervater gegenüber saß sie als lernbegieriges Mädchen mit dankbarem Augenaufschlag bei jeder Belehrung. In allen drei Rollen gleich natürlich und unübertrefflich, so daß ein nüchterner Beobachter wohl hätte fragen können, was denn nun an ihr echt war. Das Selbstportrait, das sie Mimi mitteilt10), in dem sie von dem Durcheinander in ihrem Kopf ein so anschauliches Bild wie von dem Wirrwarr in ihrem Schrank entwirft, wird manchen Leser wie Arneth auf eine gewisse Oberflächlichkeit schließen lassen. Aber vor ihren Abhandlungen 6 17j i6) Briefe IX. 12. 1?) St. A. Fam. Akten, Sammelbände, Schachtel 68, Fol. 7—91, 113—180, 184—329, 330—344, 346—434.