Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

NOVOTNY, Alexander: Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses bis zum Abschluß der Konvention vom 21. April 1879

Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses 347 rung stieß — und daß sich erst in den letzten Dezembertagen eine freundlichere Atmosphäre zeigte, die, endlich, am 21, April 1879 zum Erfolg führte. Was an Ausflucht von der Pforte vorgeschützt wurde, bestand gewiß teilweise zu Recht. Einflüsse verschiedener Art, die Angst des Sultans vor der öffentlichen Meinung unter den Mohammedanern seines Reiches, seine Scheu, sich nachgiebig zu zeigen, seine labile, von tiefem Mißtrauen und selbst Verfolgungswahn nicht freie Gemütsverfassung erklären das Zögern der Pfortenregierung. Dies ändert nichts an der Tatsache, daß die Pforte unaufrichtigerweise gefährliche Hoffnungen nährte. Solange es machtvolle Erhebungen unter den Mohammedanern der Balkanländer gab, so lange hoffte die Pfortenregierung auf die Abänderung schon gefaßter Beschlüsse. Daher ihre Sympathie für die Pomaken, für die Albaner, für die Bosniaken und es ist durchaus wahrscheinlich, daß sie alle diese Bewegungen moralisch und vielleicht auch materiell unterstützt hat. Auch Zichy hat diese Zusammenhänge fortlaufend vermutet; sie werden durch die niederländischen Berichte nur bestätigt. Erst als gegen Ende des Jahres alle mohammedanischen Erhebungen abgeklungen waren und sogar eine slawisch-christliche Gegenerhebung Ansprüche anmeldete, erfolgte der Umschwung und die Pforte zeigte sich — kurz vor Jahreswechsel — zu Verhandlungen bereit. Über den Gang der Verhandlungen selbst sind wir, bis auf einige empfindliche Lücken, recht ausführlich informiert14). Am 21. Juli schon (!) berichtet van Zuylen aus Wien über den guten Fortgang der Verhandlungen15). Schon am 24. Juli zeigte sich der Rückschlag16). Am 18. September lesen wir, daß der Entwurf einer Konvention vorliege, doch werde der Abschluß wohl noch nicht Zustandekommen17). Am 12. Ok­tober schreibt van Zuylen, daß Andrássy die abgebrochenen Verhandlun­gen wieder aufgenommen habe18). Dann gibt es wieder einen Stillstand von zwei Monaten. Über die Periode nach dem 1. Jänner 1879 berichtete summarisch Zichy aus Konstantinopel am 25. April 1879 19). Daraus ersehen wir, daß die Verhandlungen seit Jänner 1879 regelmäßig statt­fanden, daß aber erst über die letzten vier Sitzungen Protokolle geführt wurden 20). 14) Bis zum Ende des Jahres 1878 findet man fortlaufend Belege in meinen „Quellen und Studien-----------“; die niederländischen Berichte stellen eine wert­v olle Ergänzung dar. 15) Ber. 142 holl, vom 21. Juli 1878. 16) Ber. 143 holl, vom 24. Juli 1878. 17) Ber. 160 holl. 18) Ber. 180 holl. 19) Ber. 38 deutsch, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, P.A. XII, 267. 20) Diese Niederschriften der Sitzungen vom 15./27. Februar, vom 17. Febr./ 1. März, vom 21. März/2. April und vom 9./21. April 1879 sind mehr Vorentwürfe der Konvention, keine eigentlichen Protokolle, die den Gang der Verhandlungen

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