Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
NOVOTNY, Alexander: Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses bis zum Abschluß der Konvention vom 21. April 1879
346 Alexander Novotny ablehnte11). Drei Monate später erörtert van Zuylens Stellvertreter diese Frage neuerlich und gibt zu bedenken, daß, wenn Andrássy die Annexion ablehne und bloß eine Besetzung wünsche, die Pforte zustimmen müsse12 *). Vorläufig, so fügt er hinzu, sei alles in Schwebe und werde vom Ergebnis der Verhandlungen zwischen Großbritannien und Rußland abhängen. Der Ablauf der Verhandlungen über die Frage der Okkupation Bosnien- Herzegowinas auf dem Kongreß, besonders im Zusammenhang mit der 8. Kongreßsitzung am 28. Juni 1878, darf hier als bekannt vorausgesetzt und übergangen werden. Ein sehr bezeichnendes Licht werfen die niederländischen Berichte auf die ganze Reihe der sich vom Mai bis zum Oktober 1878 hinziehenden Erhebungen auf dem Balkan: auf den Aufstand der Pomaken im Rhodopegebirge seit Mai, auf die Bewegung in Albanien seit Juni, in Bosnien im Juli und August und schließlich die Erhebung der Bulgaren in den bulgarisch sprechenden, auf Grund des Berliner Vertrages der Türkei verbleibenden Gebieten im September und Oktober 1878. Im Mai berichtet die niederländische Gesandtschaft in Konstantinopells) über den Rhodopeaufstand der Pomaken, der gefährliche Formen annehme, im Juni schließt sie sich der Meinung an, daß es das Ziel der Erhebung in Albanien sei, sich mit dem Rhodopeaufstand zu vereinigen, im August gibt sie — zustimmend — die verbreitete Ansicht wieder, daß die Pfortenregierung die Erhebung in Albanien begünstige, um mit ihrer Hilfe die Okkupation Bosniens zu durchkreuzen. Die Behauptung, daß alle mohammedanischen Erhebungen auf dem Balkan während dieses Jahres untereinander in einem Zusammenhänge gestanden wären, liegt also auf der Hand. In den Berichten österreichischungarischer Diplomaten und Konsulatsagenten auf dem Balkan wird er wohl auch angedeutet — aber von Andrássy in seinen Weisungen konsequent als Übertreibung abgelehnt. Andrássy neigte mitunter stark dazu, Dinge zu leugnen, die er nicht wahrhaben wollte. Für uns sind diese Dinge deshalb von Bedeutung, weil wir eine Erklärung dafür suchen, daß der Wunsch Österreich-Ungarns nach einer Konvention über Bosnien-Herzegowina selbst nach durchgeführter Okkupation bis zum Jahresschluß 1878 unentwegt auf den diplomatisch geschmeidigen, aber unbeugsam ablehenden Widerstand der Pfortenregieu) Van Zuylen, Ber. 25, holl, vom 8. Februar 1878. 12) Mr. Ade L. P. baron de Constant Rebecque, Ber. 100, holl, vom 24. Mai 1878. !3) Niederländischer Gesandter in Konstantinopel war zu dieser Zeit Jonkheer Maurice Jean Louis Heldewier (vgl. Nederland’s Adelsboek 40. Jg. 1942, S. 475); die hier erwähnten Berichte: Ber. 66 franz. vom 16. Mai, Ber. franz. vom 24. Juni, Ber. franz. vom 1. August 1878 stammen von seinem Stellvertreter Rieh, de S. Keun, der in mehreren Fällen Berichte des niederländischen Konsuls in Saloniki, Gioachino Grassi, z. B. vom 15. Juni und vom 27. Juli in Abschriften beilegt. — Archiv des Niederländischen Außenministeriums in Den Haag.