Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
NOVOTNY, Alexander: Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses bis zum Abschluß der Konvention vom 21. April 1879
Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses 345 Stellung nicht gesichert sei, werde den Vorwand und den Anlaß dazu bieten 10). Es ist auffallend und charakteristisch, in welcher Weise das Thema „Bosnien-Herzegowina“ hier ausschließlich als europäisches Problem und nur als eine Frage, die die Großmächte angehe, eine Frage der politischen Konstellation Österreich-Ungarns im Inneren und seines Verhältnisses zu den anderen europäischen Mächten behandelt wird. Mit keiner Silbe wird irgend eines der Rechte der Pforte berührt, mit keiner leisen Andeutung ist irgend ein Recht irgend einer Balkannation auf staatliche Selbständigkeit auch nur erwähnt. Abgesehen von einigen Details, die van Zuylen aber auch nur mit Vorbehalt — als Gerüchte — wiedergibt, erweist er sich in Analyse und Voraussage als ernst zu nehmender, den Eindruck des Vertrauens und der Verläßlichkeit erweckender Realpolitiker, als ein solider Diplomat alten Stiles und in wesentlichen Punkten sogar als ein richtig Prophezeiender. Der Ton, in dem dies alles dargelegt wird, ist durchaus nüchtern, was nicht ausschließt, daß er dem Gedanken eines friedlichen Durchdringens des österreichisch- ungarischen Einflusses in den Balkanländern mit einer gewissen Sympathie gegenübersteht. An diese Episode schlossen sich die spannenden Monate von der Mitte April bis zur Mitte Juni 1878 an, während welcher der keimende Konflikt zwischen Großbritannien und Rußland die Gefahr eines europäischen Krieges heraufbeschwor. Andrássy war es, — dies betonen übereinstimmend mehrere niederländische Berichte —, der am konsequentesten an der Idee eines Kongresses festhielt. Aus ihnen, da die Holländer, im Sinne ihrer Zurückhaltung gegenüber Großbritannien, zu Rußland, und übrigens auch zu den USA. bessere Beziehungen unterhielten als etwa Österreich- Ungarn, wissen wir auch am besten, daß bei der Kongreßfrage der ewig unerfüllte Wunsch des russischen Reichskanzlers Gorcakov, einmal im Leben das Präsidium eines Kongresses zu führen, eine große Rolle spielte! Aus diesem Grunde — vermutlich! — zog Andrássy den Kongreß in Berlin einem Kongresse in Baden-Baden vor, um sicher zu gehen, daß Bismarck und nicht etwa Gorcakov den Vorsitz führte. — Das unerquickliche, zunächst vergebliche Gespräch zwischen Wien und Konstantinopel, um die Zustimmung der Pforte zur Okkupation zu erlangen, bildete eine die Spannung wohl erhöhende, aber keineswegs entscheidende Begleitmusik zu den Sorgen der europäischen Politik. Immerhin hebt der niederländische Berichterstatter schon im Februar 1878 hervor, daß Kaiser Franz Joseph ein Angebot Rußlands, Bosnien zu annektieren, nicht ablehnen würde, wohl aber Andrássy, der, wie man sieht, schon vor seiner Erklärung vor den Delegationen unverrückbar an der Okkupation festhielt und die Annexion 1#) Man beachte diese mit den Darlegungen Andrássvs auf dem Berliner Kongreß teilweise übereinstimmenden Gedankengänge. Vgl. „Quellen und Studien -----------“. A. B. Nr. Nr. 128 ff., 158 ff.