Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.

Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan 333 des Episkopats verleihen, das es nicht verstanden hatte, die Beliebtheit der seiner kirchlichen Obhut Anvertrauten zu erwerben48). Von den drei Pro­motionen, die der Monarch erbeten hatte, wurden schließlich zwei, Wien und Agram, bewilligt. Haynald, der Erzbischof von Kolocsa, einst bei Pius IX. sehr in Gunst, in Wien zunächst wegen national-magyarischer Betätigung verdächtig, aber dann in einer Mission während der Verhand­lungen zur Revision des Konkordates nach Rom gesendet, wurde vom Vatikan abgelehnt; man vergaß nicht, daß er als zweitletzter Bischof das Dogma der päpstlichen Infallibilität verkündet hatte. Im September 1874, vier Monate nach der Sanktionierung der umstrit­tenen Maigesetze, sprach Kaiser Franz Joseph zu dem böhmischen Epi­skopat, der ihn um Schutz gegen die Verfolgung der Kirche bat, die fol­genden Worte: „Wenn ich auch bis jetzt durch die Verhältnisse gehindert war, zum Schutze der Kirche das zu leisten, was dem Verlangen meines Herzens entspricht und ich mir deshalb auch keine Verdienste um die Kirche sammeln konnte, so bin ich mir doch dessen bewußt, daß ich vieles verhindert habe, was der Kirche weit mehr hätte schaden müssen, als das, wras zu ihrem Nachteil wirklich geschehen ist. Ich verspreche, daß ich, soweit es in meinen Kräften liegt und die Verhältnisse es zulassen, die Kirche schützen werde“ 49). Es waren in der Tat „die Verhältnisse“, die es herbeiführten, daß noch einmal in den letzen Wochen Pius IX. ein Konflikt zwischen Wien und den Vatikan entstand. Der Beginn des Jahres 1878 brachte den Tod des ersten Königs von Italien. Der Wiener Hof fühlte sich auf Grund der bestehenden freundschaftlichen, aber nicht sicheren Beziehungen zum Quirinal ver­pflichtet, einen Erzherzog — die Wahl fiel auf Erzherzog Rainer — zu dem Begräbnis Viktor Emanuels II. zu entsenden. Der Erzherzog hatte den natürlichen Wunsch, vom Papste empfangen zu werden; aber Pius IX. weigerte sich, eine Ausnahme von der Regel, die er aufgestellt, zu machen, wonach kein katholisches Mitglied einer Dynastie, das in Rom den König von Italien aufsuchte, vom Papste empfangen wurde. Es sind wohl die letzten Worte Pius, die Graf Paar nach Wien berichtete50). Auf die Vor­stellungen des Botschafters erwiderte der Papst, bereits von der Krankheit, die ihm den Tod bringen sollte, befallen: „Ich wäre sehr glücklich gewesen, den Erzherzog zu begrüßen, wenn mir dies durch die Mission Seiner Kaiserlichen Hoheit beim König von Italien, den ich als solchen nicht an­erkennen kann, nicht unmöglich gemacht worden wäre. Hätte diese Mission in Turin erfüllt werden können, dann wäre meine Lage eine weniger schwierige; aber in Rom durfte ich den Erzherzog unter den jetzigen Ver­hältnissen nicht sehen, ohne daß daraus für die Sache und die Grundsätze, die zu vertreten und zu wahren meine Pflicht ist, nachteilige Folgerungen 48) Weisung III, 1, 18; IV, 9; Berichte Rom, III, 6, 23, 24; V, 15, 77. 49) Kolmer, a. a. O., II, 326; Franz, a. a. O., 153. 50) Rom, I, 19 a, 78.

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