Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes nach den österreichischen diplomatischen Berichten aus Berlin 1869–1871
Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes 313 sollten sich untereinander über ihr Verhalten ins Einvernehmen setzen. Bismarck hatte allerdings erklärt, daß er die französische Note nur bei Staatssekretär Antonelli als Vertreter der päpstlichen Regierung, nicht aber beim Konzil selbst unterstützen könne65). Daher wurde auch das französische Memorandum vom 5. April 66 67) gegen das Schema De ecclesia und die 21 Canones nicht an das Konzil, sondern an den Papst als dessen Präsidenten mit der Bitte gerichtet, seinen Inhalt dem Konzil mitzuteilen. Der Papst erhielt das Memorandum erst am 22. April, während Beust schon am 10. April Graf Trauttmans- dorff beauftragt hatte, das Memorandum dringend der Beachtung des römischen Hofes zu empfehlen. Der preußische Gesandte in Rom, Graf Arnim, bekam dagegen erst am 22. April von Staatssekretär Thile die Weisung zur Unterstützung des französischen Memorandums. Arnim, der schon seit längerer Zeit Bismarck immer wieder zum Eingreifen gedrängt hatte87), erfüllte diesen Auftrag schon am nächsten Tag und zwar in einer Form, die den Intentionen seiner Regierung nicht entsprechen konnte. Er versuchte in seinem Schreiben an Kardinalstaatssekretär Antonelli die Kurie aufzufordern, die Frage der päpstlichen Unfehlbarkeit fallen zu lassen. Dabei hatte sich das französische Memorandum nur gegen das Schema De ecclesia gerichtet, die Infallibilität hielt man fran- zösischerseits für eine innerkirchliche Frage, in die man sich nicht ein- mischen wollte. Bismarck fand das Schreiben Arnims sehr stark. Da es aber den Beifall der deutschen Bischöfe fand, die Arnim instruktionsgemäß allerdings vor der Abfassung hätte zu Rate ziehen sollen, gab er sich schließlich zufrieden. Er beschränkte sich darauf, Arnim von weiteren Schritten energisch zurückzuhalten. Pius IX. hatte bei der Überreichung des Memorandums durch den französischen Botschafter Banneville am 22. April erklärt, daß es ihm unmöglich sei, dem Konzil davon Mitteilung zu machen. Auch den Mächten, die das Memorandum unterstützt hatten, wurde Ende April von Antonelli die Antwort des Papstes zuteil. Nach dem Ministerwechsel in Frankreich — am 18. April hate Ollivier das Amt Darus als Außenminister übernommen — kehrte auch dieses Land zum Prinzip der Nichteinmischungspolitik in der Konzilsfrage zurück. Von diesem Zeitpunkt an beschränkten sich die europäischen Kabinette darauf, durch ihre diplomatischen Vertreter in Rom die Konzilsväter zu beeinflussen. Daß Bismarck von den diplomatischen Schritten der Mächte nie viel Erfolg erwartet und sich daher an ihnen auch nur in mäßiger Form beteiligt 65) 9. April 1870, ebendort Nr. 38 A, B. In diesem Sinn ist auch das Telegramm Bismarcks vom 8. April an Arnim gehalten. G.W. VI b, Nr. 1556. 66) Vgl. für das Folgende Granderath a.a.O. II, S. 705—715. 67) Siehe oben S. 305, 309.