Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes nach den österreichischen diplomatischen Berichten aus Berlin 1869–1871

314 Erika Weinzierl-Fischer habe, „pour acquit de conscience“, sagte er dem österreichischen Ge­sandten in Berlin allerdings erst nach dem Eintritt dieser Situation68). Als dann die in Rom anwesenden Diplomaten die Definition der Un­fehlbarkeitslehre für unaufhaltsam und knapp bevorstehend halten muß­ten, versuchte Arnim, von Bismarck wenigstens die Genehmigung für ein Zeichen der Mißbilligung gegen das Vorgehen der Kurie zu erhalten69). Der Kanzler äußerte sich jedoch entschieden gegen jede „einem Schlag ins Wasser“ gleichkommende Demonstration 70) und billigte nur ein über­einstimmendes Verhalten des preußischen Gesandten und des öster­reichischen Botschafters in Rom, das von Wimpffen mit Staatssekretär Thile besprochen worden war 71). Die Vertreter der beiden Mächte in Rom sollten den öffentlichen Sitzungen des Konzils zur Zeit der Proklamie- rung des Dogmas fernbleiben und die Gesandtschaftsgebäude nicht illu­minieren, jedoch nicht Rom verlassen70). Von da an werden Konzil und Dogma in den Berichten des öster­reichischen Gesandten in Berlin nicht mehr erwähnt. Ein anderes, die europäische Diplomatie mehr interessierendes Thema beherrscht allein das Feld: Die Beziehungen Preußens zu Frankreich und der schließliche Ausbruch des deutsch-französischen Krieges, der fast auf den Tag genau mit der Erklärung des Dogmas der Unfehlbarkeit zusammenfiel und zu­letzt auch das Ende des Kirchenstaates besiegelte. Als die liberale Regie­rung der österreichisch-ungarischen Monarchie die Infallibilität zum Vorwand für die einseitige Kündigung des Konkordates genommen hatte und Wimpffen dies in Berlin mitteilte, stieß er lediglich auf „le plus vif intérét“ des Staatssekretärs Thile für dieses bemerkenswerte Ereig­nis72). Bismarck selbst hatte am 20. Juli noch einmal Arnim telegra­phiert: „Enthalten Sie sich jeder ostensiblen Demonstration. Die Infalli­bilität ist uns augenblicklich ohne Interesse“ 73). Daher taucht das Vati­kanum erst wieder ein volles Jahr später in einem österreichischen Bericht aus Berlin auf, diesmal aber schon in einem anderen Zusammen­68) 30. Mai 1870. Privatbrief Wimpffens an Beust, P.A. III, Kart. 102. Er­wähnt bei Schmidt a.a.O. S. 342, Anm. 4. 69) Ebendort S. 357 f. 70) 24. Juni 1870, P.A. III, Kart. 101, Nr. 64 A—B. 71) 2. Juli 1870. Privatbrief Münchs an Beust. Ebendort. Kart. 102. 72) 13. August 1870. P.A. III, Kart. 102, Nr. 96 B. 73) G.W. VI b, Nr. 1689. — Dieses Telegramm scheint seine Fortsetzung in der umstrittenen Kriegstagebucheintragung des nachmaligen Kaisers Fried­rich III. vom 24. Oktober 1870 in Versailles zu haben, derzufolge Bismarck dem Großherzog von Baden gesagt haben soll, er habe nach Beendigung des Krieges die Absicht, energisch gegen diejenigen Katholiken vorzugehen, welche sich dem unerhörten Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit anschließen würden. Kaiser Friedrich III. Das Kriegstagebuch von 1870/71, hrsgg. von Heinrich Otto Meis- ner, Berlin-Leipzig 1926, S. 181. — Bismarck hat später u. a. auch den Wahr­heitsgehalt dieser Eintragung bestritten. Vgl. über diese Kontroverse ebendort S. XXII ff.

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