Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730
Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730 193 Unheimlich wird die Reise, auch durch den trockenen und unbeteiligten Ton Seckendorffs deutlich durchscheinend, von der Kronprinzentragödie überschattet23). In dieser zeremoniellen Zeit, in der Rangfragen solcher Wert beigemessen wurde, fällt zunächst die ständige Zurücksetzung des Kronprinzen auf, der im Rang vor allen besuchten Fürsten stand. Während die Markgräfin von Ansbach, die Lieblingstochter des Königs, ständig den Platz zu dessen Rechten behaupten kann, muß Friedrich auf der Spazierfahrt in Ludwigsburg den Rücksitz einnehmen, obwohl der Herzog dies immer zu verhindern sucht. Bei allen Tafeln geschieht dasselbe, nur dem Kurfürsten von der Pfalz gelingt es durch seine Beharrlichkeit, dem Kronprinzen den ihm gebührenden Ehrenplatz anzuweisen. In Ludwigsburg beklagt sich der König zum erstenmal auf der Reise bei Seckendorff über seinen Sohn, dessen Widersetzlichkeit und Unsauberkeit, ein beim König ständig wiederkehrendes Argument. Beim Fluchtversuch selbst war Seckendorff nicht zugegen, der König hat erst in Mannheim davon erfahren. Darüber bringt daher das Reisejournal nichts, was nicht in den späteren Verhören zur Sprache gekommen wäre24). Überraschend hingegen und ungeheuerlich in dieser Zeit der Etikette ist die Szene bei der Hoftafel in Darmstadt. Seinen Sohn zornig anblickend, fügte der König seinem gewöhnlichen Trinkspruch auf das Wohl des Kaisers und aller gut kaiserlich Gesinnten hinzu: „Welche es von unseren Kindern nicht sind, sind Hurenkinder und meritieren nicht, den Namen von deutschen Fürsten zu führen.“ Vor der Abreise nach Frankfurt gelang es dem Kronprinzen noch, ein von einem Unbekannten überreichtes Schreiben zu zerreißen und ins Wasser zu werfen. Die Darstellung Seckendorffs von den Geständnissen des Kronprinzen in Bonn, der ihn dort um Vermittlung beim König bat, ist im Reisejournal ausführlicher als im Bericht an den Kaiser aus Wesel. Friedrich erzählt hier von den Mißhandlungen, die er im Zeithainer Lager erdulden mußte, er berichtet auch Näheres über seine Absicht, nach Frankreich und Italien, ja sogar nach Algier zu den Barbaresken zu gehen25). Die Unwahrscheinlichkeit dieser angeblichen Pläne hat Seckendorff sofort gerügt, sie wurden dann durch die Flucht des Leutnants Keith nach Holland widerlegt. Trotz seiner furchtbaren Lage zeigte der Kronprinz auf der Rheinreise noch einigen Gleichmut. Auf dem Schloß Neuwied spielte er 23) Die wichtigsten Quellen zur Vorgeschichte des Kronprinzenprozesses sind zusammengestellt bei Kóser, a.a.O., 4. Band, S. 8 ff. Zu den Aussagen im Prozeß selbst vgl. die ausgezeichnete Publikation von Carl Hinrichs, Der Kronprinzenprozeß, Friedrich und Katte, Hamburg 1936. 24) Hinrichs, a.a.O., besonders die Zeittafel zur Vorgeschichte S. 21 ff. 25) Der Plan, nach Algier zu gehen, taucht auch in einem Bericht des französischen Gesandten Sauveterre vom 11. September auf (Friedrich von Raumer, Beiträge zur neueren Geschichte aus dem britischen und französischen Reichsarchive, III, Leipzig 1839, S. 538). Angeblich soll der Prinz diese Aussage Grumbkow diktiert haben. Bei Hinrichs, a.a.O., findet sich davon nichts. 13 Mitteilungen, Band 10