Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730
194 Hans Wagner abends die Flute. In Bonn hatte er sogar die Kühnheit, in Gegenwart des argwöhnischen Königs mit seinem Tischnachbarn, dem französischen Gesandten, über Politik zu sprechen. Erst in Wesel auf preußischem Boden, nach dem Bekanntwerden der Flucht Keiths, sollte sich der furchtbare Ernst des Königs zeigen. Es folgen neue Mißhandlungen, die Verhaftung und die ersten Verhöre. Neu ist hier die Tatsache, daß man den Prinzen sogar gezwungen hat, seinen entflohenen Freund nach Speyer in eine Falle zu locken. Friedrich wurde „mit vieler Mühe dazu disponiert“, wie Seckendorff trocken schreibt. Glücklicherweise erreichte die Nachricht den Flüchtling nicht mehr, dem so ein ähnliches Schicksal wie das des unglücklichen Katte erspart wurde. Hier in Wesei, erfährt Seckendorff auch die ganze Tiefe des Argwohns des Königs gegen sein achtzehnjähriges Kind. Er fürchtet sich vor Gift, glaubt niemand mehr trauen zu können, und klagt, daß alle gegen ihn, alle für den Kronprinzen seien, daß auch die Königin am Komplott gegen ihn Anteil habe 2S). So läßt das von einem Freund und Gesinnungsgenossen des Königs verfaßte Reisejournal gerade aus diesem Grund den Soldatenkönig in einem schlechteren Licht erscheinen, als es die preußischen Forscher bisher wahrhaben wollten. Heftig sind die Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth angegriffen und für maßlos übertrieben erklärt worden, ebenso wie die den König belastenden Gesandtenberichte* 27). Erst langsam entsteht nun ein neues Bild, das den „zeitweise zu Wahnideen gesteigerten König“ 28 29) richtiger zeichnet. Szenen wie die in Darmstadt, der erpreßte Brief an den Freund oder die von Hinrichs aus den Prozeßakten angeführte Tatsache, daß der König ernstlich beabsichtigte, seinen Sohn foltern zu lassen28), verzeichnet Wilhelmine gar nicht. Seckendorff hat sich später auf Weisung des Prinzen Eugen und des Kaisers bemüht, das Ärgste vom Kronprinzen abzuwenden30). Im Reisejournal zeigt er sich ihm gegenüber wenn nicht ablehnend, so doch zumindest gleichgültig. Er behandelt Friedrich als politischen Gegner und Feind seines Einflusses, sein Bedauern gilt nicht ihm, sondern nur dem 2«) D u n c k e r, a.a.O., S. 133 f. 27) So besonders bei O n c k e n, a.a.O., und bei Karl Bernbeck, Die Denkwürdigkeiten der Markgräfin Friederike Sophie Wilhelmine von Bayreuth und die englisch-preußischen Heiratsverhandlungen von 1730, in: Gießener Studien auf dem Gebiet der Geschichte VI, Gießen 1894. 28) Hinrichs, a.a.O., S. 17. 29) Hinrichs, a.a.O., S. 89. Vgl. dazu die Besprechung von S. A. Kaehler im Göttingischen Gelehrten Anzeiger 199 (1937), S. 266. Daß Kóser, der die Akten gesehen hat, darüber nichts schreibt (Anm. 1), war zur damaligen Zeit wohl nicht besonders verwunderlich. 30) Ausführlich dargestellt bei Duncker, a.a.O.