Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730

192 Hans Wagner Das Verhältnis zu Sachsen, vor allem Seckendorffs Zerwürfnis mit Graf Hoym und die drohende Schwenkung Augusts des Starken ins französische Lager sind Gegenstand ausführlicher Besprechungen. Bezeichnend sind dabei die Vorwürfe, die Seckendorff — wenigstens nach seinem eigenen Bericht — dem König wegen dessen Unterredung mit dem als Anhänger der Alliierten von Sevilla bekannten dänischen Gesandten Lövenörn macht. Von diesen Gesprächen hatte er durch die Berichte Grumbkows erfahren, er benützt sie aber trotzdem dazu, mit seinem Rücktritt zu drohen und sich über das mangelnde Vertrauen des Königs zu beklagen. Der König hat auf der Reise auch einige Sehenswürdigkeiten besichtigt. Besonders interessierten ihn offenbar die Gärten. Schon in Leipzig wollte er Orangenbäume kaufen und in allen Residenzen wurden zunächst die Lustgärten in Augenschein genommen. An historischen Denkmälern wurden die Reichskleinodien in Nürnberg, der Bamberger Domschatz und in Frank­furt die Goldene Bulle und der Römer besichtigt. Gemäldesammlungen und Kirchen erregten sein Interesse, aber auch religiöse Zeremonien, so eine Prozession in Bamberg. In Mors mußte auf seinen Wunsch der Bischof von Roermonde eine katholische Messe zelebrieren. Des Königs Mißfallen an Büchern ist bekannt. Seckendorff beeilt sich, bei der Nürnberger Bibliothek zu betonen, daß man sich da nicht lange aufgehalten habe. Bei den Gesellschaften, die die Fürsten zu Ehren des Königs gaben, fällt der mehrmals erwähnte Brauch auf, die zeremonielle Rangordnung durch das Verlosen der Sitze zu unterbrechen. Es gab auch Bälle, in Ansbach hat der König selbst einen „Polnischen“ mit seiner Tochter getanzt22). Beim Soldatenkönig überwog natürlich auch auf der Reise das Inter­esse am Militärischen. Die Schlachtfelder des Spanischen Erbfolgekriegs bei Höchstädt und am Schellenberg wurden besichtigt, in den Reichsstädten sogar die Bürgerkompanien inspiziert. Überall bemühte man sich, des Königs Achtung durch militärisches Gepränge zu erringen und ihn durch das Überlassen von Rekruten — von „Kerls“, wie Seckendorff die Be­dauernswerten nennt —, günstig zu stimmen. Paraden und Exerzieren wechseln sieh ab, sogar der unkriegerische Kurfürst von der Pfalz führte auf der Rheininsel bei Mannheim Übungen von zwei Bataillonen Infanterie vor. Das alles war aber nur harmlose Spielerei gegen die Besichtigungen und Manöver, die den König in den preußischen Garnisonstädten des Rheinlands erwarteten. Hier wird ihnen der ganze Tag gewidmet, Regiment um Regiment zieht am König vorbei, bis zu den Ladegriffen des alten Dessauers in Halle, wo Seckendorff, vom militärischen Eifer mitgerissen, sogar den Wortlaut der Kommandos überliefert hat. den Prinzen Eugen bestimmten eigenhändigen Randbemerkung Seckendorffs: „Le pauvre diable a besoin d’argent ayant marié deux fiiles, je luy paye cela“ (fol. 92v). 22) Nicht im Reisejournal, sondern in den „Denkwürdigkeiten des Ansbacher Hoffouriers Johann Martin Mayer“, S. 112.

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