Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730
190 Hans Wagner Grafen, Ernst Ludwig —19), und der Neffe und spätere Vertreter des Gesandten in Berlin, der Freiherr Christoph Ludwig von Seckendorff, sind als Begleiter des Grafen in Ansbach angeführt. In der Frankfurter Aufstellung und im Reisebericht werden sie nicht erwähnt. Wahrscheinlich haben sie die Reise nicht weiter mitgemacht. Diese in Frankfurt immerhin noch 43 Personen zählende Reisegesellschaft mußte in sechs Wochen eine Strecke von 260 Meilen zurücklegen, bei den damaligen Straßenverhältnissen eine respektable Leistung. Dazu kamen an zusätzlichen Strapazen noch die bekannte Vorliebe des Königs, in Scheunen zu übernachten, und die oft recht spartanische Verpflegung, die im Reisejournal mehrmals beschrieben wird. In Augsburg mußte einmal der sparsame Seckendorff die Kosten der Bewirtung auf sich nehmen. Dafür konnte man sich dann am Luxus der Fürstenhöfe schadlos halten. So hat in Ludwigsburg der Herzog von Württemberg nach der Aussage des Königs sogar August den Starken an Prachtentfaltung übertroffen. Nach der Ankunft in Wesel ist die Reisegesellschaft durch die Verhaftung des Kronprinzen und die überstürzte, geheim gehaltene Rückreise zersprengt worden. Die meisten Offiziere mußten den Kronprinzen begleiten, Fürst Leopold von Anhalt-Dessau schloß sich in Mörs dem König an. Das politische Erträgnis der Reise war sicherlich gering. Durch den Fluchtversuch des Kronprinzen — die Besuche in Mannheim, Darmstadt und Bonn sind dadurch verdüstert — war des Königs Unliebenswürdigkeit aufs Höchste gesteigert worden. Das Reisejournal bietet dafür viele Beispiele. Bei seinem Schwiegersohn in Ansbach mochten gute Lehren zur Sparsamkeit und Verträglichkeit mit dem Markgrafen von Bayreuth noch am Platze sein, beim Erbprinzen von Württemberg Ermahnungen zur besseren Harmonie mit dessen Frau sicher nicht mehr. In Augsburg konnten Stockschläge in die versammelte Menschenmenge, die Zurückweisung der Ratsgeschenke und die kurze Abfertigung des vom Bischof zur Begrüßung entsandten Kavaliers nicht zur Hebung der Popularität des Königs -— und damit der kaiserlichen Sache — beitragen. In Mannheim mußte der Kurfürst auf Wunsch des Königs einen Ball absagen, zu dem schon die Damen eingeladen worden waren. Bis zu welchem Grade der Haß des Königs gegen die Welfen und ihre Verbündeten gestiegen war, zeigt die Botschaft, die er vom Rheinschiff aus dem General Sutton bestellen ließ: „Es fahren etliche Deutsche zu Wasser hinab, die haben ein paar Pistolen bei sich, welche auch englisch sprechen.“ Immerhin zeigte sich der König überall als eifrigster kaiserlicher Parteigänger. Daß er sich zur Erreichung politischer Ziele auch überwinden konnte, zeigen seine Bemühungen um die berüchtigte Landhof19) Ernst Ludwig Freiherr von Seckendorff, geheimer Kriegs- und Legationsrat, 1728 bis 1740 preußischer Gesandter in Ansbach.