Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

WAGNER, Hans: Die Briefsammlung Gauchez

598 Literaturberichte der Fachkreise, sondern jedes österreichischen Patrioten beanspruchen. Das Buch hat aber auch in Deutschland die Aufmerksamkeit militärischer Kreise auf sich bezogen, da man sich in Bonn gerade jetzt vor ähnliche politische Probleme gestellt sieht, mit denen das erste österreichische Bundesheer bei seiner Aufstellung zu ringen hatte, diesmal aber die Fehl­griffe einer Verpolitisierung vermieden hat. Rudolf K i s z 1 i n g (Wien). Eichstädt Ulrich, Von Dollfuß zu Hitler. Geschichte des Anschlusses Öster­reichs 1933—1938. (Veröffentlichungen des Instituts für europäische Ge­schichte, Mainz, Band 10.) Franz Steiner Verlag GMBH, Wiesbaden 1955. VIII und 558 Seiten. In der von Jahr zu Jahr anschwellenden Literatur über den Anschluß Österreichs an Deutschland und seine Vorgeschichte kann das Werk von Eichstädt infolge der überaus ins Detail gehenden Schilderung der Einzel­ereignisse einen besonderen Platz beanspruchen. Abgesehen von einem kur­zen Einleitungskapitel, das die Geschichte der Republik Österreich und der Anschlußfrage bis 1933 behandelt, befaßt sich das umfangreiche Wei'k aus­schließlich mit dem Kampf der Regierung Dollfuß und Schuschnigg gegen die nationalsozialistische Gefahr im Innern und Außen. Dabei werden die Gegensätze und einzelnen Strömungen innerhalb des österreichischen Regie­rungslagers genau so berücksichtigt, wie die unter den illegalen National­sozialisten in Österreich und innerhalb der deutschen Politik. Die entschei­dende Rolle Papens in der Zeit nach dem Putsch von 1934 und besonders bei der Vorbereitung und beim Abschluß des Juliabkommens von 1936 wird im ganzen zutreffend gezeichnet. Der Verf. läßt durchblicken, daß dieses Ab­kommen von allem Anfang an von beiden Seiten nur als notwendiges Provi­sorium betrachtet wurde und daß man nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien bestrebt war, sich der Durchführung einzelner unangenehmer Bedingungen zu entziehen. In diesem zähen und versteckten Ringen ver­schlechterte sich die Position Österreichs immer mehr vor allem infolge der Umgruppierung der europäischen Mächte seit dem Abessinienkonflikt, aber auch, worauf der Verf. kaum eingeht, wegen der unbefriedigenden wirtschaftlichen Entwicklung in Österreich selbst. Von dem Besuch Schuschniggs in Berchtesgaden an bis zur Durchführung des Anschlusses werden schließlich die einzelnen Ereignisse in geradezu minutiöser Genauig­keit verzeichnet, ohne daß sich dabei neue Gesichtspunkte oder bisher unbekannte Tatbestände ergeben. Da die Arbeit bewußt vorwiegend pragmatischen Charakter trägt, ver­meidet sie tunlichst jegliche Wertung. Trotz seines objektiven und kriti­schen Bemühens mußte sich der Verf. bereits von verschiedenen österrei­chischen Rezensenten den Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen, m. E. nicht ganz mit Recht. Allerdings darf hier nicht verschwiegen werden, daß dem Buch einige schwere methodische Mängel anhaften. Es ist bei den Praktiken der modernen Verwaltung und Diplomatie an sich schon bedenk­lich, sich fast ausschließlich auf aktenmäßige Quellen zu stützen und auf die zwar unvollkommene und unbequeme, aber letzten Endes unentbehrliche Ergänzung durch Erinnerungswerke u. dgl. zu verzichten. Im vorliegenden

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