Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

KRAMER, Hans: Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient während des ersten Weltkrieges. Nach neu gefundenen Akten

522 Hans Kramer dem Ansehen Endricis und der Kirche nur abträglich; eine Änderung liege im Interesse der Kirche. Hussarek schraubte aber bald seine Forde­rungen herunter. Er wünschte später nur ein die staatlichen Belange wahrendes Provisorium, nämlich die Sicherstellung der weiteren Ent­fernung Endricis von Trient und einen Wechsel des Generalvikars. Letzteres wurde, wie ich oben schon ausgeführt habe, nicht erreicht. Eccheli verblieb neben und über Rimbl auf seinem Posten. Der Vertreter der Kurie in Freiburg (Schweiz) bzw. Bern war der Uditore Monsignore Francesco Marchetti-Selvaggiani (später Kardinal), der versicherte, daß er zuerst Beamter des Hl. Stuhles und dann erst Italiener sei. Er scheint ein geschickter Diplomat gewesen zu sein. Der Botschafter Österreich-Ungarns beim Hl. Stuhl, Johann Prinz Schönburg- Hartenstein, scheint sich mit der Angelegenheit relativ wenig befaßt zu haben. Marchetti mußte vornehmlich mit dem Geschäftsträger der Bot­schaft, dem Grafen Pálffy, verhandeln, der versicherte, daß ihm nichts Schwierigeres und Heikleres als der Fall Endrici untergekommen sei. Der Bischof habe sicher eine Maßregelung verdient. Pálffy trat an seine Aufgabe, von der Kurie etwas zu erreichen, mit der lähmenden Gewißheit heran, daß die Sache aussichtslos sei. Marchetti zeigte — wenigstens äußerlich — selbst etwas Entrüstung über Endrici. Er warnte aber vor dessen außerordentlicher Reizbarkeit. Er verwies darauf, daß ein oder mehrere österreichische Bischöfe von Endrici Nachgiebigkeit erreichen könnten. Es wurde an den Präses der bischöflichen Konferenzen in Österreich, den Kardinalfürsterzbischof Freiherrn von Skrbensky von Olmütz, an den Kardinalfürsterzbischof Dr. Piffl von Wien und an den Erzbischof von Salzburg Dr. Kaltner gedacht, der der Metropolit von Trient war. Hussarek hielt diesen Ausweg für ziemlich aussichtslos. Man erkennt wohl die Absicht Marchettis, so lange als nur möglich die Römische Kurie außer dem Spiel zu halten. Er machte dann darauf auf­merksam, daß bei einer päpstlichen Entscheidung gegen Endrici in Italien ein Sturm gegen die Kurie losgehen würde, was diese vermeiden müßte. Schließlich rückte er mit dem heraus, woran die gesamte Römi­sche Kurie dachte. Er schlug vor, die ganze Angelegenheit bis zum Kriegsende auf sich beruhen zu lassen. Sollte Endrici nach dem Friedens­schluß zurücktreten — es ist fraglich, ob Marchetti in den späteren Kriegsjahren innerlich an den Sieg der Mittelmächte geglaubt hat —, könnten ihm der Titel eines Erzbischofs und eine große Pfründe als Ersatz gegeben werden. Hussarek versicherte sofort, daß die österreichi­sche Regierung ihrerseits nicht die Hand zu einer solchen Belohnung bieten werde. Marchetti leitete alle Denkschriften der österreichischen Regierung über den Fall Endrici von Bern an die Römische Kurie weiter. Zu Ende August 1916 traf in Bern ein Schreiben des Kardinalstaatssekretärs

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