Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)

28 Anna Coreth derung während der französischen Invasion verheert worden war, unter­hielt Marcus von Aviano eine regelmäßige Korrespondenz, die nur sehr lückenhaft erhalten ist12). Die 17 Briefe P. Marcos an P. Gabriel Pontifeser aus der Zeit vom 16. August 1692 bis zum 17. Februar 1695 sind — mit Ausnahme des ersten — aus einer in den wesentlichen Grundzügen konstanten Situation des norditalienischen Klosterlebens geschrieben und fallen zwischen die beiden Wienreisen der Sommer 1692 und 1695 12a). Es sei zuvor gesagt, daß Marco, als er nach Ostern 1692 von Italien aufgebrochen war, den Weg über Innsbruck genommen und dort P. Gabriel persönlich gesprochen hatte13). Dieser muß sich bereits auf der Reise nach Spanien befunden haben, die er durch seine Heimatprovinz Tirol und wohl auch durch seinen Heimatort Klausen bei Brixen, wo noch seine Mutter lebte, genommen hat. Bei jenem Zusammentreffen der beiden Patres ist, nach den folgenden Briefen zu schließen, zunächst die zukünftige Stellung des jüngeren Ponti­feser besprochen worden, der jetzt von dem erfahrenen Marco d’Aviano Ratschläge erhielt, nach denen er sich inmitten eines von Intriguen er­füllten Hofes zurechtfinden konnte; er teilte aber auch seinerseits P. Marco die Lage in Neuburg mit, legte ihm die verwitwete Kurfürstin ans Herz und bat ihn, auf dem Rückwege Neuburg zu besuchen, da sein Rat auch wegen Gründung eines Kapuzinerhospizes in der nahen Stadt Dillingen gebraucht werde14). Von diesem Treffen an läuft die lose Korrespondenz der Patres erst richtig an, und man kann schließen, daß diese mit der bewußten Absicht vereinbart worden ist, für P. Gabriel eine geistige Hilfe zu schaffen und dem Kreis um die spanische Königin die Gesinnung Marco d’Avianos, nämlich die Überzeugung, daß dem Hause Habsburg eine eminente religiöse Mission zukommt, mitzuteilen. Durch diese Korrespon­denz war auch indirekt eine stärkere Verbindung zwischen Madrid und Wien gegeben, die sich allerdings kaum in den politischen Bereich vorwagt: Marco d’Aviano vermeidet, wie gesagt, durchwegs, politische Nachrichten mitzuteilen, und beschränkt sich auf allgemeine Urteile. Nach seinem Aufenthalt in Wien im Sommer 1692 ist also P. Marco tatsächlich nach N e u b u r g gezogen, allerorts Segen spendend und vom Volk umdrängt und schreibt schon von hier aus einen Brief an seinen Mitbruder nach Madrid. Es ist der 16. August 1692. P. Marcus hat die 12) Heyret, Briefwechsel IV, S. 146 ff. Vgl. über ihn: Adolf Hilsenbeck, Johann Wilhelm, Kurfürst von der Pfalz vom Ryswiker Frieden bis zum spani­schen Erbfolgekrieg, 1698—1701, München 1905. 12a) Vgl. das Verzeichnis der Briefe unten, S. 47. 13) Brief der Kurfürstin Elisabeth Amalia von Pfalz-Neuburg an Marco d’Aviano vom 9. Mai 1692. Vgl. Heyret, Briefwechsel IV, S. 142. 14) Heyret, Korrespondenz I, S. 215 f.

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