Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
BAXA, Jakob: Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815–1824
140 Jakob Baxa Wirkung tief gekränkt war und der sich in einer beißenden Spottschrift Luft gemacht hat, hatte früherhin die Hoffnung, durch die Protektion der Prinzessin Luise Ferdinand von Preußen Hof- und Domprediger, und so vielleicht Beichtvater des Königs zu werden, da er sich zur reformierten Hofkonfession bekennt. Jetzt sieht er sich nicht nur mit der Regierung verfeindet, sondern einen jungen Geistlichen seiner Konfession als Hof- prediger durch ganz ausgezeichnete Talente in der Gunst des Publikums und des Hofes von Tag zu Tag steigen.“ Es war dies Adam Müllers Jugendfreund Franz Theremin (1783—1846), den er mit seiner Kusine Sophie Sander, der Frau des Berliner Buchhändlers Daniel Sander bekanngemacht hatte; wie Adam Müller war er auch eng befreundet mit Henriette Vogel geb. Keber, jener unglücklichen Frau, die 1811 mit Heinrich von Kleist in den Tod ging4). Adam Müller überreichte Metternich Theremins Predigt, die bei Gelegenheit der Kapitulation von Paris gehalten wurde: „In der Gegenwart von mehreren tausend, charakterisiert sie die Denkungsart des besseren Teils des Preußischen Publikums vielleicht am richtigsten, wenn sie auch nicht außerdem durch einfache Klarheit und großartige Wendungen der Beredsamkeit stellenweis nur mit Bossuet die Vergleichung aushielte.“ Das ist keine Übertreibung Adam Müllers, sondern das einhellige Urteil der Nachwelt. Theremin, der Verfasser eines Werkes: „Die Beredsamkeit eine Tugend oder Grundlinien einer systematischen Rhetorik“ (Berlin 1814), gilt noch heute als einer der berühmtesten Kanzelprediger des deutschen Protestantismus5 6). Mit seinem Bericht vom 30. November 1815 legt Adam Müller dem Fürsten Metternich eine am Tage der Feier der Schlacht von Leipzig abgehaltene Predigt Schleiermachers vor: „Die Schleiermachersche Predigt schien mir nur um deswillen die Aufmerksamkeit Euer Durchlaucht zu verdienen, weil sie die Wirkung beweist, welche der Schmalzsche Angriff oder vielmehr der Anteil der Regierung an dieser Sache hervorgebracht. Es ist eine furchtsame, geschraubte Apologie seines eigenen politischen Betragens, überfließend von Schmeicheleien gegen den König, ohne alle Spur derjenigen Ironie, womit derselbe Verfasser noch ganz vor kurzem Regierungsmaßregeln desselben Königs öffentlich verhandelte.“ Mit dem Bericht vom 30. Dezember 1815 unterbreitet Adam Müller schließlich Schleiermachers Gegenschrift „An den Herrn Geheimrat Schmaltz“, zu der er bemerkt: „Auf dem Titelblatte der Schleiermacherischen Schrift ist absichtlich der Monat November als der Termin der Erscheinung angegeben, während sie sich im Nachtrag auf die Schmalzische Duplik bezieht, welche erst im Monat Dezember erschienen ist, und die Schleiermacherische 4) Baxa, Adam Müller, Jena 1930, S. 132, 141, 209 f., 326, 400; Else Lüders, Die Sanders. Ein Familienschicksal aus Preußens Notzeit und Aufstieg, Leipzig 1940, S. 112 ff. 6) Bibliothek theologischer Klassiker: Franz Theremin, Ausgewählte Predigten, Gotha 1889.