Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
BAXA, Jakob: Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815–1824
Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815—1824 139 Versprechen entstand dann der preußische Verfassungsstreit. Adam Müller ist als Anhänger des alten Ständestaates der Ansicht, daß die „in der assemblée Constituante gepredigte Volks-, Kopf-, Seelen-, Acker- und Geld- Repräsentation“ für Deutschland durchaus unpassend ist. In seinem Bericht vom 27. März 1816 rühmt Adam Müller Metternich gegenüber das ausgezeichnete Talent Niebuhrs, der bereits unzähliges Gute gestiftet habe, durch die Behauptungen: „1. Daß die Volksfreiheit von dem Volke vielmehr als eine Bürde, wie als ein Gegenstand des Genusses und der Unterhaltung zu betrachten sei, 2. daß sie nicht sowohl durch Repräsentationen, als durch die mögliche Erhaltung der herkömmlichen Verwaltungsformen zu erreichen sei, und daß die Institution des Friedensrichters in England, vielmehr als selbst durch das Parlament bewirkt werde, das große Phänomen der geistigen und physischen Unabhängigkeit Englands begründet, gesteigert und befördert hat.“ Da Metternich als unbedingter Vertreter des absoluten Beamtenstaates auch von altständischen Allüren nichts wissen will, glaubt Adam Müller die bestehende josefinische Beamtenbürokratie in Österreich als Verfassung im Sinne Niebuhrs deuten zu können: „Es bedarf nur einer gründlichen Auseinandersetzung dessen, was unsre Kreisämter und unsre Hofstellen eigentlich sind, um mit den Verfassungsansichten Niebuhrs (den der Kanzler bei den desfalsigen Einrichtungen in Preußen vorzüglich zu Rat zieht) übereinzustimmen. Modifikationen und selbst Verbesserungen der ständischen Verfassungen in den deutschen Staaten Sr. K. K. Majestät sind möglich, die Zeit wird sie, wie alles Gute in Österreich herbei führen. Aber den Böhmen, welche nach dem Deutschen Beobachter, sehnsüchtige Blicke auf Ungarn, den Österreichischen Untertanen, welche dergleichen auf Württemberg oder nunmehr auch auf Baden werfen möchten, dient eine bloße Darstellung des Bestehenden ... zur genügenden Antwort. Niebuhr wird keinen Anstand nehmen, sie für eine deutsche Verfassung zu erklären.“ Der Deutsche Beobachter war eine von dem Buchhändler Cotta zu Hamburg herausgegebene Zeitung und nach Adam Müllers Urteil „gegen das Interesse unseres Allerhöchsten Hofes gerichtet“. Er erzählte ja im Frühjahr 1816 von ersten leisen Regungen des Liberalismus in den Kron- ländern Böhmen und Österreich, die ähnliche Verfassungen, wie sie in Ungarn und den süddeutschen Staaten bestanden, herbeiwünschten. Aber erst ein volles Menschenalter später, im März 1848, sollten diese Wünsche stürmisch zum Durchbruch kommen. Mit Niebuhrs Abgang als Gesandter zum Heiligen Stuhl nach Rom, wo er von 1816 bis 1823 wirkte, verschwindet auch sein Name aus den Berichten Adam Müllers. In seinem Bericht vom 24. November 1815 erzählt Adam Müller neben Niebuhr auch von Schleiermacher: „Schleiermacher, nächst ihm der bedeutendste, dessen Eigenliebe schon früherhin durch die Ernennung einer liturgischen Reformations-Commission ohne seinen Beisitz oder seine Mit-