Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil

234 Friedrich Engel-Jánosi war nur eines von ihnen89). In solcher Lage war man vielleicht eher ge­neigt, das Risiko auf sich zu nehmen, daß die Kompetition zwischen den Religionen als Ko-operation ausgelegt werden könnte: schließlich, trotz aller großen Erfolge und Fortschritte — man war eine Minorität und man fühlte sich als solche39 40). Und da tauchte nun plötzlich diese scheinbar endlose Debatte über die päpstliche Unfehlbarkeit auf: „Wir können uns auf schwere Zeiten gefaßt machen in allen Ländern, in denen Katholiken und Protestanten Zusammenleben sollen. In der Tat, wir liefern ihnen gute Gründe, um uns aus dem Lande zu treiben“ 41). Später unterhielt McQuaid die Hoffnung, daß Gott die Minorität am Konzil zu seinem Werkzeug aus­erkoren habe, um Unheil zu verhüten. Wenn man die Briefe des Bischofs von Rochester liest — wie weit ist man da von der Atmosphäre, in der Chateaubriand, Dupanloup, Lord Acton lebten. Und doch, beim näheren Zusehen erblickt man ohne viel Mühe auch in ihnen einen Ausdruck des liberalen Katholizismus. Graf Trautmansdorff und der Marquis Banneville sahen die modernen Regierungsformen als unvermeidliche, wenngleich keineswegs als gerecht­fertigte oder erwünschte Phänomene der neuen Zeit an: für sie hätte die Kirche vom praktischen Standpunkt aus Unrecht, wenn sie sich in einen Kampf gegen einen Zustand einließ, der nun einmal vorhanden war. Der Haltung der amerikanischen Katholiken zugrundeliegend, wie sie sich etwa im Pater Hecker und in Orestes Brownson verkörperte, finden wir — wie bei Lord Acton — einen Glauben an den Fortschritt in der Geschichte, hier aber exemplifiziert an den Geschicken der großen Republik der Neuen Welt. Brownson, der große Laienkonvertit, hatte erklärt: „Die religiöse Mission der Vereinigten Staaten ist es ... die Freiheit der katholischen Kirche aufrechtzuerhalten, ohne den Staat in der Kirche oder die Kirche in dem Staat aufgehen zu lassen, sondern beide in ihrer naturgegebenen Bewe­gungsfreiheit belassend“ 42). Wiederum begegnen wir den Gedanken des auserwählten Volkes — würde es eine arge Übertreibung sein, an Gesta Dei per Americanos zu denken? Würden wir uns dabei weit von dem geistigen Lebensraum Ban­crofts, des ersten großen amerikanischen Historikers, entfernen? In die­39) Zwischen 1850 und 1860 verdoppelte sich beinahe die Zahl der nicht in Amerika geborenen Einwohner der Vereinigten Staaten; Deutschland (infolge der Revolution von 1848 und der ihr folgenden Reaktion) und Irland schickten die größten Kontingente. Tyler, a. a. O., S. 385. 40) Vgl. den aufschlußreichen Artikel „American Catholics and the Intellec­tual Life“ von Professor John Tracy Ellis in Thought, XXX, 351—388. 41) Mitte Mai, 1870. — Es sei bemerkt, daß führende katholische Laien in Amerika wie Orestes Brownson sich unbedingt zu der Lehre der Infallibilität bekannten. 42) Lawrence Roemer, Brownson on Democracy and the Trend toward Socia­lism (New York, 1953), S. 114.

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