Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)
ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil
Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil 229 platz nach Rom hätte schreiben müssen. So stünde es leider nicht bei dem französischen Episkopat „mit dessen beklagenswerten Unstimmigkeiten“. Und wessen man sich selbst von dem Kirchenfürsten zu versehen habe, den Veuillot, der Wortführer des ultramontanen Journalismus, als den Chef der Opposition bezeichnet hatte, erfuhr Banneville, als er mit Dupanloup die Möglichkeit besprach, daß unter gewissen Umständen die französische Regierung sich gezwungen sehen könnte, ihre Truppen aus Rom abzuberufen. „In einem solchen Falle“, entgegnete der Bischof von Orléans, „würden wir die ersten sein, die uns um den Papst scharen würden“. Der Botschafter fügte hinzu: „ich hatte daran nicht gezweifelt“ Man hat keine Schwierigkeit, zu erkennen, wohin sich der Blick Banne- villes wandte, um sein Idealbild eines französischen Prälaten zu finden; er spricht von der „großen Rede“, die der Erzbischof von Paris Ende Jänner gehalten hatte, als dem „großartigen Preis der großen Kirche Frankreichs“ und willig zitiert er daraus, daß in gewissen Staaten alle Bischöfe mit ganz wenigen Ausnahmen schismatisch geworden seien „und doch waren diese nicht gallikanisch und nicht von ihrem Monarchen ernannt, sondern vom Heiligen Stuhl ausgewählt“ 22 23). Wenn der französische Botschafter erschreckt ist über das, was er als die „exorbitante Lehre“ der Infallibilität bezeichnet, so verschweigt er auf der anderen Seite nicht, daß seine Gefühle als Katholik verletzt sind durch gewisse Taktiken der Minorität, die im Eifer der Kontroverse so weit ging, „die verdächtigsten Bundesgenossen willkommen zu heißen und Hilfe zu suchen in Berlin, Florenz und London“, ein Yorgehen, das weder bei Lord Acton, noch bei dem österreichischen Reichskanzler Tadel hervorgerufen hätte. Die Weisung, die der neuernannte Minister des Äußeren Mitte Mai vom Quai d’Orsay nach Rom schickt, klingt wie das gerade Gegenteil der Ansicht Lord Actons: „Versuchen Sie“— telegraphiert der Herzog von Gramont — „die Diskussion im Konzil in die Länge zu ziehen... halten Sie sich in Verbindung mit unseren liberalen Bischöfen“ ; und darauf folgt das politische Eingeständnis: „ ... die Situation ist sehr ernst und ich glaube, daß man ihr um jeden Preis Rechnung tragen muß.“ Gemäß den vom Ballhausplatz erteilten Direktiven sollte sich die Rolle des Grafen Trauttmansdorff auf die Tätigkeit eines aufmerksamen Beobachters beim Konzil beschränken. Als Pius IX. den Entschluß faßte, die Mächte nicht einzuladen, sich auf der ökumenischen Versammlung vertreten zu lassen, bemerkte Graf Beust: „uns ist es lieber, daß es so ist“ 24). Man darf wohl daran zweifeln, daß er den Berichten seines „aufmerksamen 22) Ebd. 27. II. 23) 26. I. 24) Weisung an Trauttmansdorff 23. X. 1869, Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien.