Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)
ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil
230 Friedrich Engel-Janosi Beobachters“ große Beachtung zugewandt hat. Seinen Weisungen gemäß unterhielt der österreichische Botschafter keinerlei offiziellen Kontakt mit den Bischöfen der Donaumonarchie, obwohl er persönlich ihre Pläne und Schritte genau verfolgte. In den Augen Trauttmansdorffs war der Kardinal von Wien der Führer des österreichischen Episkopats, der der Minorität angehörte, gelehrter und nachgiebiger als Fürst Schwarzenberg, der in den Berichten Bannevilles und in den Notizen Actons vor allen anderen hervorgehoben wurde. Die Sympathien des österreichischen Botschafters gehörten ohne Zweifel den Gemäßigten; er hätte niemals einen Kampf bis zum Äußersten gewünscht; ihm war es vor allem um die Aufrechterhaltung der Einheit der Kirche zu tun und wenn er den Plan, das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit zu proklamieren, tadelte, so zweifelte er doch keinen Augenblick daran, daß das Oberhaupt der Kirche das Recht habe, es zu verkündigen. Während der Wochen, als der erbitterte Kampf, der um das Dogma geführt wurde, auch den Botschafter tief bekümmerte, berichtete er dennoch mit den folgenden Worten nach Wien: „Aus ganz unparteiischem Standpunkte muß man wohl in vollem Umfange zugeben, daß Seine Heiligkeit in Seiner hohen und heiligen Würde als sichtbares Oberhaupt der Kirche nicht nur befugt sei, sondern Sich auch heilig verpflichtet fühlen müsse, Seinen hohen Einfluß geltend zu machen, alle Mittel anwenden zu lassen, um jenes Ziel zu erreichen“25). Man hält einen Augenblick inne, um die Gedanken zu erraten, die Graf Beust beim Lesen dieses Berichtes durch den Kopf gegangen sein mögen — vorausgesetzt, daß er ihn je gelesen hat. Die Hoffnung des österreichischen Botschafters war, daß Mehrheit und Minderheit bereit sein würden, sich gegenseitig Konzessionen zu machen, um den Frieden innerhalb der Kirche aufrecht zu erhalten, daß ein „rapprochement“ zustande kommen werde. Weniger noch als Banneville wollte er den Kampf und — zumindest am Anfang — war er zufrieden, daß seine Instruktionen ihm jede persönliche Einmischung untersagten. Er war völlig befriedigt durch die Art, in der die Minoritätsbischöfe des Reichs aus eigenem Antrieb vorgingen, und als in einem späteren Stadium die Prälaten ihm zu verstehen gaben, daß ihnen nun eine Hilfe aus Wien erwünscht sei, stimmten beide, der Kanzler und sein Botschafter, darin überein, sich nicht mit den Bischöfen der Opposition zu identifizieren. Der Unterschied in der Haltung der beiden Führer dieser Gruppe kam nochmals anläßlich der Abschiedsaudienz, die sie beim Papste nach der Proklamation des neuen Dogmas hatten, zum Ausdruck: während Fürst Schwarzenberg von seiner Absicht, sein Amt niederzulegen, sprach, versicherte Kardinal Rauscher Pius IX., daß er in den Beschlüssen des Konzils die Wege der 25) Bericht Rom, 28. V. 1870, Nu. 61 B.