Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil

228 Friedrich Engel-Jánosi unter dem Einfluß eines Führers der intransigenten Gruppe am Konzil, des Erzbischofs Manning, stand. Wir haben keinen Anlaß, an der Aufrich­tigkeit der Anhänglichkeit zu zweifeln, mit der sich Graf Trauttmannsdorff und Marquis Banneville der Kirche und ihrem Oberhaupt verbunden fühlten. Beide lebten in den Traditionen des Adels ihrer Nationen. Freilich war die Stellung des österreichischen Grafen am päpstlichen Hofe wesentlich ungünstiger als die seines Kollegen aus Frankreich. Wie bekannt, war der Ballhausplatz damals in einen Kulturkampf eingetreten, um auf diese Weise die Liberalen der Doppelmonarchie wie die Deutschlands für sich zu gewinnen und so die Revanche für Königgrätz vorzubereiten. Überdies klagte man in Wien ständig über angeblich frankophile Gefühle Pius’ IX. Die Diplomaten waren weniger als der britische Historiker interessiert, den Ursprüngen der Ideen der Konzilsminorität nachzugehen; aber sie waren bemüht, die Mentalität dieser Prälaten zu erfassen. Aus den Be­richten des französischen Botschafters erfahren wir von dem Ernst der Sprache, die der Kardinal von Prag seit seinem Eintreffen in Rom führte. Es sei ihm unmöglich, ließ sich Fürst Schwarzenberg vernehmen, in seine Diözese zurückzukehren, wenn die Infallibilität des Papstes zum Dogma erhoben würde. Eine solche Entscheidung würde die Deutschen in Böhmen dem Protestantismus in die Arme treiben und die Tschechen der russischen Kirche 20a). Beide Botschafter gehörten zu jenen, die — nach den Worten eines französischen Memorandums aus dem Jahr 1869 — das derzeit stärkste Bedürfnis der Menschheit in der Aussöhnung der Kirche mit der Gesell­schaft ihrer Zeit erblickten. Der Unterschied gegenüber dem liberalen Katholizismus ist unschwer festzustellen: weder Banneville noch Trautt- mansdorff sahen in einer solchen Aussöhnung einen Fortschritt: sie er­schien ihnen einfach als eine Notwendigkeit. Wenn wir ihre Berichte über­blicken, so erhalten wir den Eindruck, daß für sie der große „shock“ während des Konzils die Einbringung des „Schema de Ecclesia“ war, das gegen Ende Jänner zur Diskussion gelangte und das in ihren Augen dadurch, daß es die Prinzipien des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche formulierte, die Aussichten der von ihnen herbeigewünschten Aussöhnung sehr gefährdete. Dieses Schema, berichtete Banneville am 26. Jänner, habe eine Tragweite, die der Infallibilität zumindest gleichkomme. Der französische Botschafter war der Ansicht, daß die Lage des franzö­sischen Episkopats von der der österreichischen Prälaten am Konzil gründ­lich verschieden sei21): diese seien bis auf wenige Ausnahmen eines Sinnes; die österreichische Regierung habe daher ein leichtes Spiel; ihre Bischöfe sagten aus eigenem Antrieb, was unter anderen Umständen der Ballhaus­20:1) Rapport Bannevilles, Rome 1869, 24. XI; Archives Ministere des Affaires Etrangéres, Paris. 21) Ebd. 9. II. 1870.

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