Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 7. (1954) – Festgabe zur Hundertjahrfeier des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Die Bekämpfung der Hungersnot in Böhmen 1770–1772 durch Maria Theresia und Joseph II.
512 Erika Weinzierl-Fischer gleiche Quantum zugewiesen, sondern die Verteilung sollte sich nach dem jeweiligen Bedarf richten 230). Diese Maßnahmen wirkten sich so günstig aus, daß Astfeld schon Ende Juli berichten konnte, daß die Kreise Rakonitz, Beraun, Kaurim, Saaz, Elbogen und Prachin keine Hilfe mehr brauchten und die Prager Bäcker nur mehr 4500 Metzen Roggen und 1500 Metzen Weizen benötigten, um den Bedarf der Stadt bis Ende August zu decken 240). Da Unterdessen auch das ganze von Festetics besorgte Getreide nach Österreich geliefert worden war 241) und wegen der günstigen Witterung drei Wochen früher als sonst mit dem Schnitt begonnen werden konnte, der eine besonders reiche Ernte brachte, blieben in den Magazinen in Böhmen, Brünn und Wien sogar zirka 50.000 Metzen Getreide übrig, die nicht mehr verwendet werden mußten. Astfeld schlug daher vor, diesen Überschuß an Sachsen und den Bischof von Passau zu verkaufen, die ohnedies ihren dringenden Bedarf in Österreich decken wollten 240). Die Hofkanzlei gab dazu ihre Einwilligung 242). Außerdem beantragte sie auf Grund dieser Nachrichten die Aufhebung der Maut- und Straßenfreiheit, die daraufhin ab 1. September 1772 wieder eingestellt wurde. Die freie Einfuhr von einem Erbland in das andere blieb jedoch weiter erlaubt. Auch das Branntweinbrennen wurde von diesem Tage an wieder gestattet. Weiterhin in Kraft blieben das Getreideaüsfuhrverbot für Böhmen und das Patent, nach dem Getreideschmuggel mit dem Tode bestraft wurde 243). Damit hielt Kollowrat seine Aufgabe für beendetund die außerordentliche Kommission erstattete der Kaiserin ihren Schlußbericht 244). In diesem 239) 1772 VI 1 und VI 2, Kommission Fasz. 9, Mai, n. 7 und n. 2. 24°) 1772 VII 14. Ebendort, Fasz. 10, August, n. 5. 241) Siehe oben S. 508. 242) 17 72 VIII 8, Kommission Fasz. 10, August, n. 10, 11. 213) 1772 VIII 3, Hofkanzlei an alle Länderstellen und oberste Staatsbehörden, Konz., ebendort, n. 6. 244) „Solchergestalten wäre also die Obliegenheit dieser treu-gehorsamsten Hof-Commission glüklich (!) geendiget. Man hat, wie die Anlage weiset, in Böhmen, Mähren und Österreich ob der Enns, welch letzteres Land beyläufig 53.000 Metzen erhalten, 433.962 Metzen Korn, gegen 4000 Centen Mehl, und 3329 Centen 42 Pfd. Reis befördert und andurch der so ausserordentlich eingerissenen, und wehrend eines ganzen Men- schen-Alters nicht erhörthen Hungersnoth allen Menschen möglichen Einhalt gethan. Da also alles vollbracht worden, was diese treugehorsamste Hof-Commission zu veranlassen gehabt hat, und die Wiedereinbringung der durch Vorleihung dieser Körner allermildest gemachten Aerarial-Vorschüsse künftighin einen Gegenstand der Hofkammer ausmachen wird, so wird heute unter Anhoffung der allerhöchsten Begnehmigung die lezte Sitzung dieser nun über zwey Jahre dauernden Proviantirungs-Commission abgehalten.